Instinct und Sitte.
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haben, während jene Entwicklung selber höchstens aus den schwachenSpuren erschlossen werden kann, die von ihr in der Abstufung derLebensgewohnheiten verwandter Thiere zurückblieben*).
Bei diesem Punkte letzter Uebereinstimmung eröffnet sich nunaber sofort zugleich die tiefe Kluft, die den Menschen vom Thieretrennt. Beide verdanken ihre individuellen wie socialen Lebens-gewohnheiten zum allergrössten Theile der Erbschaft früherer Ge-schlechter. Aber beim Thiere ist diese Erbschaft ganz und garniedergelegt in den physischen Nachwirkungen, welche diegenerelle Entwicklung in der Organisation zurückliess: beim Men-schen ist sie, zu einem grossen Theile wenigstens, zugleich in derForm bewusster TJebeiTieferung erhalten geblieben. Indem soder Mensch allein des Zusammenhangs mit der Vorzeit inne wird,gewinnt bei ihm jene Stetigkeit des Bewusstseins, welche beimThiere meist nur die nächsten Momente mit einander verknüpft,immer aber auf das individuelle Leben beschränkt bleibt, eine Aus-dehnung, die schon auf der niedersten Stufe mindestens die Traditionmehrerer Geschlechter umfasst, bis sie sich auf der höchsten Uberdie Schranken der einzelnen Volksgemeinschaft hinaus zur Ideeeiner zusammenhängenden Entwicklung der gesammten Menschheiterhebt.
Diese geistige Verbindung des Menschen mit der Vergangen-heit, welche zugleich den Blick auf die Zukunft in entsprechendemMasse über das individuelle Leben hinausführt, drückt nun vorallem der menschlichen Gesellschaft ihr eigenthümliches Geprägeauf. Das Thier folgt den Gesetzen, nach denen sich die Triebejeweils in der Species differenzirt haben, zwar aus Anlass bestimmterWillensmotive, aber zugleich einem mechanischen Zwange gehorchend,der die Abweichung A r on den Gesetzen der Art immer nur innerhalbengster Grenzen ermöglicht. Dem gegenüber sind es hauptsächlichzwei Momente, durch welche sich das individuelle wie das socialeLeben des Menschen unendlich reicher und mannigfaltiger gestaltet.Das eine bestellt in dem freieren Spielraum des Willens; das an-dere in der umfassenden Voraussicht, in jener Erwägung der Ver-gangenheit und der Zukunft mit Bezug auf die Gegenwart, derender Mensch allein fähig ist.
In diesen zwei Momenten liegt nun zugleich der Grund, wes-halb wir nur beim Menschen von der Existenz einer Sitte reden.
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‘) Vgl. hierzu meine physiol. Psychologie, 3. Aufl., II, S. 411 ft'.