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Die Sitte und das sittliche Leben.
ist, als dass jene Meinung dauernd bestehen könnte. Auch ist ge-rade hei den einfachsten und verbreitetsten thierischen Trieben dieUnmöglichkeit solch’ bewusster Zwecküberlegung am einleuchtend-sten. Dass das Thier wie der Mensch Nahrung zu sich nimmt,nicht um verlorene Körpersubstanz zu ersetzen und neue Kräftefür künftige Arbeit zu sammeln, sondern weil der Hunger einquälendes und die Sättigung ein angenehmes Gefühl ist, gibt imallgemeinen Jedermann zu. Schon bei den socialen Trieben derThiere sind die Erscheinungen wie ihre Bedingungen in der Regelvon verwickeltem- Art. Dennoch bleibt der Standpunkt der Be-urtheilung der nämliche. Die Wandervögel ziehen nicht deshalbin Schwärmen, weil sie wissen, dass sie dadurch vor dem Abirrenvom richtigen Wege und vor verfolgenden Feinden besser geschütztsind; die Ameisen und Bienen bauen nicht deshalb gemeinschaft-lich ihre Wohnstätten, weil sie überzeugt sind, ihre übereinstim-menden Lebenszwecke in isolirter Arbeit niemals erreichen zu kön-nen , sondern diese Erfolge vollziehen sich, weil dort ein vorüber-gehender, hier ein bleibender Trieb die Individuen verbindet, einTrieb, dessen psychologische Natur wir zwar in diesen Fällen nichtnäher kennen, weil wir uns in das Bewusstsein eines völlig fremd-artigen Wesens nicht zu versetzen vermögen, von dem wir abersicherlich dies aussagen dürfen, dass er so wenig wie das Essenund Trinken aus einer Ueberlegung über seine physiologischenZwecke entsprungen ist.
Wie die verbreitetsten thierischen Triebe, jene auf denen alsauf seiner unveräusserlichen Naturgrundlage schliesslich auch derBestand der menschlichen Gesellschaft beruht, ursprünglich ent-standen seien, auf diese Frage ist uns wahrscheinlich immer dieAntwort versagt. Wir können nur vermuthen, dass zwei organischeGrundtriebe, der Nahrungs- und der Geschlechtstrieb, diehauptsächlichsten Ausgangspunkte nach verschiedenen Richtungendivergirender Entwicklungen gewesen sind. Bei diesen haben sichin fortschreitendem Masse zuerst die erzielten Zwecke immer ver-wickelter gestaltet, worauf dann in einer auf psychologischem Ge-biete überall geltenden Rückwirkung von der Wirkung auf dieUrsache die entsprechenden Tln^re" 1 : selbst immer mannigfaltigergeworden sind. Schon im Thierreiche hat es dabei wohl auch anintellectueller Mitarbeit nicht gefehlt. Die Erfolge der letzterenerscheinen aber vor allem deshalb uns unbegreiflich, weil wir hiereine unabsehbare Entwicklung bloss in ihren Resultaten vor Augen