Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
103
Einzelbild herunterladen
 

Die Sittengesetze als religiöse Gebote.

108

Wesen in der Voraussetzung einer idealen Weltordnung bestellt,sittliche Forderungen die stärksten Motive abgeben, und dass ander-seits nicht minder der feste Glaube an die Existenz einer solchenidealen Welt, theils durch die Voraussetzung einer Wieder Vergeltung,theils und besonders durch die Aufstellung sittlicher Vorbilder vonidealer Vollkommenheit, auf die Ausbildung des sittlichen Lebensund der sittlichen Vorstellungen vom mächtigsten Einflüsse ist.Kanu angesichts solcher Wechselwirkungen von einer Entwicklungder Sittlichkeit, die unabhängig von den religiösen Motiven vor sichginge, nicht die Rede sein, so ist nun damit aber freilich nicht be-wiesen, dass nicht auf irgend einer der späteren Stufen des sitt-lichen Lebens die Sittlichkeit von ihrer religiösen Wurzel völlig sichloslösen könne. Dann würden die religiösen Motive zwar bei ihrerEntstehung und ersten Ausbildung als unerlässlich vorauszusetzensein, nicht aber zu ihrer Fortexistenz oder auch zum letzten Ab-schlüsse ihrer Entwicklung. Der Gedanke, dass es sich so verhaltenkönne, wird durch die Existenz aller der philosophischen Be-gründungen der Ethik, welche von jenen religiösen Elementen ganzabstraliiren, unmittelbar nahe gelegt. Ein anderes bleibt freilichdas sittliche Völkerbewusstsein, mit dem wir es hier allein zu thunhaben, ein anderes die philosophische Theorie der Sittlichkeit.Immerhin Hesse sich denken, dass ein gewisser Zusammenhangzwischen beiden bestehe, wie sehr auch die theoretische Abstractiongeneigt sein mag, gewisse Gesichtspunkte einseitig in den Vorder-grund zu rücken und dagegen andere zu vernachlässigen, ein Um-stand, der allein es erklärlich macht, dass ein und derselbe That-bestand zu völlig entgegengesetzten Theorien Anlass bietet.

Wie es sich nun aber immer mit diesen Vermuthungen ver-halten mag, das eine wird man ohne weiteres zugeben, dass, wenneine Loslösung der Sittlichkeit von ihrer ursprünglichen religiösenGrundlage möglich sein sollte, eine solche nur stattfinden kann, fallsneben den religiösen noch andere Motive existiren, die zu einer Ent-wicklung sittlicher Ideen Veranlassung geben. Diese werden es danneben sein, welche von einzelnen Richtungen der philosophischen Ab-straction in einseitiger Weise bevorzugt werden. Es gibt nur einGebiet, das in dieser Beziehung mit den religiösen Beweggründendes sittlichen Lebens sich messen kann: es sind dies diejenigen Er-scheinungen der Sitte, welche in den socialen Bedingungen desmenschlichen Lebens ihren Grund haben. Dass diese Bedingungeneinen hervorragenden Einfluss auf die Entwicklung der sittlichen