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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittlichkeit-.

fahrung lehrt, mit um so zwingenderer Macht sich vollzieht, je mehrder Zwiespalt zwischen den ethischen Wünschen und Forderungenund ihrer Erfüllung im wirklichen Leben sich aufdrängt.

Diese Anschauung, aus den Vergeltungs Vorstellungen entstandenund lange Zeit mit ihnen verbunden, löst allmählich von ihnen sichab. Zuerst sind es nur die Tugendhaften, denen man den Ein-gang in jene ideale Welt offen hält; dann mildert die Annahmeeines Läuterungsprocesses der mit Schuld Beladenen die Schreckender ursprünglichen Rachevorstellungen, indem sie die zu erwartendeStrafe zu einer vorübergehenden macht, um im Hintergründe der-selben die Aussicht auf eine allumfassende Versöhnung zu errichten.In der Seelenwanderungslehre und in dem Purgatorium der christ-lichen Mythologie hat diese Verbindung des Rache- und des Ver-söhnungsgedankens in einer zwar äusserlich verschiedenen, aberdoch nicht bloss durch das gemeinsame ethische Motiv sondernauch durch die symbolische Form, in die dasselbe gekleidet wurde,verwandten Weise zwei die Phantasie mächtig erregende Gestaltungenangenommen. Bei der Seelenwanderung wird ein beflecktes Lebengesühnt, indem es in erniedrigten Formen so lange sich wieder-erneuert, bis die Sehnsucht von ihm befreit zu sein alle andernTriebe zerstört hat. Bei dem Purgatorium vereinigt das Elementdes Feuers unmittelbar beide Wirkungen in sich, den sühnendenSchmerz und die reinigende Läuterung.

Werden endlich auch diese letzten Versuche, die mythologischenGestaltungen des Unsterblichkeitsglaubens durch symbolische Deutungund systematische Ausbildung ethisch zu vertiefen, beseitigt, sobleibt als letzte philosophische Form jenes Glaubens diejenige übrig,welche entweder mit der allgemeinen Idee einer idealen Fortsetzung"des persönlichen Daseins sich begnügt, wie der Platonismus in seinenspäteren Ausläufern innerhalb der abendländischen Philosophie, oderwelche, allen persönlichen Wünschen entsagend, in der Rückkehrin den alles Individuelle aus sich entlassenden und wieder in sichaufnehmenden Urgrund der Dinge die Erfüllung des Daseins er-blickt, wie die esoterische Form der indischen Vedantalehre undder ihr verwandte neuere Pantheismus*). In beiden Fällen, in demPlatonismus wie in der Vedantalehre, hat sich die Entwicklung derLäuterungsvorstellungen zu der Idee eines allgemeinen geistigen

*) Ueber das Verh'ältniss der exoterischen zur esoterischen Vedantalehrevgl. Denssen, Das System des Vedanta. Leipzig 1883. S. 104 ff.