Die Idee der sittlichen Weltordnung.
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der Vergeltungsvorstellungen selbst eine allmähliche Läuterung derMotive. Die Furcht vor der Strafe, dieses früheste und niedrigsteZuchtmittel ungebändigter Triebe, weicht allmählich dem edlerenAffect der Hoffnung auf ein künftiges besseres Dasein, und in derAusmalung des letzteren folgt die Phantasie der fortschreitendenLäuterung des sittlichen Bewusstseins. Auf der höchsten Stufe dieserEntwicklung endlich tritt, durch die Hintansetzung der äusserenWerkheiligkeit und durch - die ausschliessliche Werthschätzung dersittlich-religiösen Gesinnung, der Vergeltungsgedanke mehr undmein- in den Hintergrund, oder er wird doch zu einer als Motivkaum wirksamen Zugabe. Denn die sittliche Gesinnung ist nichts,was mit Rücksicht auf Belohnungen oder Strafen, die ihr zu Theilwerden, willkürlich hervorgebracht werden könnte. Man kann ausselbstsüchtigen und an sich verwerflichen Motiven äusserlich guthandeln; man kann aber nicht aus verwerflichen Motiven gut ge-sinnt sein. Ist also nur erst der Schwerpunkt der sittlichen Werth-schätzung in die Gesinnung verlegt, so wird damit der Vergeltungs-gedanke zu einem in ethischer Beziehung bedeutungslosen Be-standtheil.
Indem auf diese Weise aus den Vorstellungen von der über-sinnlichen Welt der Vergeltungsgedanke allmählich verschwindet,verschwinden aber nicht gleichzeitig jene Vorstellungen selbst. Dennsie entspringen nicht bloss aus den natürlichen Wünschen und Hoff-nungen und aus der einem primitiven Rechtsgefühl angemessenenForderung einer die unverdienten Verschiedenheiten der Lebens-schicksale ausgleichenden Gerechtigkeit, sondern ihre Quellen sindebenso vielgestaltig wie die sittlichen Gefühle. Je mehr der Ver-geltungsgedanke an Einfluss einbtisst, um so bedeutsamer wird da-her für die Vorstellung einer jenseitigen Welt der Trieb, dem wirk-lichen Leben ein ideales Abbild gegenüberzustellen, in welchem dieMängel des ersteren getilgt sind. So verwandelt sich, indem gleich-zeitig mit der eingetretenen Vertiefung des sittlichen Bewusstseinsdas Ethische den Hauptwerth erringt, die jenseitige Welt in dasIdeal einer sittlichen Weltordnung. Da die wirkliche Weltden objectiven sittlichen Forderungen und dem Streben nach eigenersittlicher Vervollkommnung kein Genüge leisten kann, so wird dasmenschliche Gemüth angetrieben, das Ideal einer in sittlicher Be-ziehung vollkommenen und daher zugleich vollkommen beglücktenWelt als eine unerlässliche Ergänzung des sinnlichen Lebens zudenken, ein psychologischer Process, der, wie die geschichtliche Er-
Wunat, Ethik. 2. Atifl. 7