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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Entwicklung dei' Vergeltungsvorstellungen in den Naturreligionen. 91

fender und lohnender Gottheiten einrücken, verblasst jene ältereVorstellung, nach welcher noch im irdischen Leben dem Verbrechendie göttliche Strafe folge, und soweit sie erhalten bleibt, löst siesich wenigstens von der unnahbaren Hoheit der Olympischen Götter,um an besondere Schicksals- und Strafgottheiten untergeordneterArt, die Mören, die Erinnyen, überzugehen, in denen gleichwohleine Verfeinerung des sittlichen Gefühls sich verräth, weil sie weitunmittelbarer als der Blitzstrahl des Zeus und die Pfeile des Apolloals Verkörperungen der Furcht vor der Zukunft und der Gewissens-pein des Schuldigen erscheinen. Bei diesem Wandel der Anschau-ungen verschwindet aber keineswegs die ethische Bedeutung deroberen Götter. Vielmehr gewinnt sie gerade dadurch einenhöheren Werth, dass nicht mehr jeder einzelne Act göttlicher Gerechtig-keit, sondern nur die allgemeine Aufrechterhaltung derselben in ihreHand gelegt ist. Sie gelten nun um so mehr als die Begründerund Erhalter der sittlichen Weltordnung im ganzen, während siesich zum Vollzug derselben im einzelnen untergeordneter Werk-zeuge bedienen.

Die Läuterung des sittlichen Gefühls, die mit der Ausbildungdieses Gedankens einer allgemeinen sittlichen Weltordnung ver-bunden ist, findet namentlich in zwei bemerkenswertheil Verände-rungen der Anschauungen ihren Ausdruck. Die erste bestehtdarin, dass die Idee der Belohnung des Guten allmählich einewachsende Bedeutung gewinnt. Die Götter erscheinen nicht mehrbloss als die Rächer begangenen Frevels, sondern, indem sie einemJeden in einem künftigen Leben nach dem Mass seiner Handlungenim Diesseits sein Loos zutheilen, verkörpert sich in ihnen immervollständiger der Gedanke einer allwaltenden Gerechtigkeit. Zugleichbeschränkt sich nun diese nicht mehr bloss auf einzelne bevorzugteSterbliche, sondern sie erstreckt sich in gleicher Weise über Hochund Gering, so dass von selbst mit der Erwartung künftiger Ver-geltung auch die Hoffnung auf die Ausgleichung jener unver-schuldeten Unterschiede sich verbindet, die Geburt und zufälligeSchicksale im Leben des Menschen herbeiführen. Die zweite Ver-änderung, die damit Hand in Hand geht, besteht in dem allmäh-lichen Zurücktreten jener Vorstellungen göttlicher Strafe, die aussittlich gleichgültigen Motiven den Menschen trifft, Vorstellungen,welche zumeist in der nämlichen Vermenschlichung der Götter ihreQuelle haben, die dieselben auch der menschlichen Schwächen undLeidenschaften theilhaftig macht. Je menschlicher der Gott erscheint,