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Die Religion und die Sittlichkeit.
der Lebende begangen, gesühnt durch die Trauer, die über ihn imHades verhängt wird, so braucht diese Trauer nicht mehr bloss inder Mitempfindung zu bestehen, mit der er die Schicksale seinesGeschlechts begleitet. Sie kann ein selbständiges Leid sein, dasihm in jenem Dasein zugefügt wird. In ihren Anfängen reicht dieAnschauung von einer immerwährenden Pein, die der Frevler in derUnterwelt erleide, in eine frühe Zeit zurück. So begegnen uns schonin der Odyssee die Bilder des Tantalos, der nach einem immer dar-gebotenen und immer wieder entzogenen Genüsse schmachtet, unddes Sisyphos, der unablässig den immer wieder herabrollenden Fels-block emporwälzt*). Aber sie sind hier augenscheinlich nur Hülfs-mittel, welche die Phantasie geschaffen, um durch die Ewigkeit derStrafe ihre Furchtbarkeit zu erhöhen, und sie sind darum nur Fort-setzungen solcher Strafen, welche die Frevler schon im irdischenDasein erduldet haben. Entsprechend hat auch die entgegengesetzteIdee der ins Jenseits sich fortsetzenden Belohnung der Tugendschon früh vereinzelte Vorläufer. So tritt die Vorstellung des Ely-siums, wo die Abgeschiedenen ein müheloses, ewig heiteres Daseinverbringen, ebenfalls bereits in der Odyssee auf; aber diese Beloh-nung bleibt ein Vorzug für einzelne Sterbliche; in solchem Sinnewird sie dem Menelaos auf der Heimkehr von Troja geweissagt**).
Sobald diese Vorstellungen verallgemeinert, von einzelnen durchdie Huld oder Missgunst der Götter ausgezeichneten Sterblichen aufdie Gesammtheit der Menschen übertragen werden, so tritt damitvon selbst das Leben nach dem Tode vollständig in den Dienst desVergeltungsgedankens; es gestaltet sich zu einem System vonStrafen und Belohnungen, welches nicht mehr bloss aus dieserWelt in das Leben nach dem Tode sich fortsetzt, sondern in demletzteren erst seinen eigentlichen Anfang nimmt. Damit ist jeneForderung göttlicher Gerechtigkeit, welche im irdischen Dasein sooft unerfüllt bleibt, zu ihrer vollen, durch widerstreitende Erfah-rungen nicht mein - zu trübenden Geltung gelangt. Die Götter derUnterwelt werden nun zugleich zu Richtern über die Thaten derGestorbenen. Tartarus und Elysium werden als die vollständiggetrennten Wohnorte der Sünder und der Seligen einander gegenüber-gestellt. Dort führt Pluto, hier der blonde Rhadamanthys die Herr-schaft. Indem so die Götter des Schattenreichs in das Amt stra-
*) Odyssee 11, 582.
**) Odyssee 4, 561.