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Die Religion und die Sittlichkeit.
Haben hiernach die Vorstellungen, die sich an den Gedankender Trennung der Seele vom Körper knüpfen, mehr in der Weisedes ursprünglichen Naturmythus eine Art erklärender Bedeutung,als dass in ihnen irgend welche sittliche Anschauungen zum Aus-druck gelangten, so überträgt sich diese Unabhängigkeit von denletzteren nun zumeist auch noch auf die primitiven Vorstellungen,die an die Idee der selbständigen Existenz der Seele in Bezug aufdie Art ihres Fortlebens geknüpft werden. Nur freilich tritt hiersofort das Erklärungsbedürfniss, für das jenseits der Erscheinungendes Todes und Traumes wenig Raum mehr bleibt, gänzlich zurückhinter den Gefühlen, von denen der Einzelne theils durch dieErinnerung an seine Verstorbenen, theils durch den Gedanken anden eigenen Tod erfüllt wird. Wo die erstere vorwiegt, da theiltsich unvermeidlich auch den Vorstellungen vom Leben nach demTode etwas von jener Trauer mit, welche der Zurückgelassene überden erlittenen Verlust empfindet. So wird es begreiflich, dass sichder lebensfreudige Grieche den Hades als eine düstere Stätte freud-losen Daseins dachte. Wo dagegen das Sinnen und Trachten desMenschen mit banger Erwartung dem zugewandt ist, was nachdiesem Leben kommt, da wird im Gegensätze zu den Mühen desDiesseits zumeist die Zukunft nach dem Tode als eine unaufhörlicheFolge jener Genüsse ersehnt, an denen die Wirklichkeit für denbegehrlichen Sinn zu arm ist. So träumt der Indianer, der ein un-stetes, in Entbehrungen abgehärtetes Jägerleben führt, von denglücklichen Jagdgründen im Westen, in denen die Geister der Ver-storbenen ein im Ueberfluss schwelgendes Leben verbringen*). Soglaubte der Germane, der in seinen rauhen Wäldern an Streit undArbeit gewöhnt war, dass den Helden in Walhalla bei fröhlichemTrinkgelage und ergötzlichen Kampfspielen ein nie aufhörendesGlück erwarte**). Sobald in dieser Weise die eigenen Hoffnungenund Befürchtungen an den Vorstellungen von der Zukunft den über-wiegenden Antheil haben, so wird dadurch aber stets zugleich dieIdee der Vergeltung nahe gelegt.
Nach ihrem Inhalte zerfallen die Vorstellungen vom zukünf-tigen Zustande wieder in zwei Gedankenreihen: in eine niedrigere,die an dem unmittelbaren Eindruck des Todes und dessen was ihm
*) Waitz, Anthropologie der Naturvölker, III, S. 197.künde, II, S. 694 f.
**) Grimm, Deutsche Mythologie. S. 682 ft'.
Ratzel, Völker-