Der Heroencultus.
75
c. Der Heroencultus.
Indem sich die Naturgötter allmählich loslösen von den Natur-erscheinungen, in denen sie ursprünglich verkörpert gedacht wurden,treten sie zu den Verhältnissen des menschlichen Lebens und Ver-kehrs in innigere Beziehung. Sie nehmen Tlieil an menschlichenInteressen, sie kämpfen die Schlachten der Krieger mit, sie werdenzu Schutzgottheiten der Städte und Landschaften, der Berufszweigeund Beschäftigungen, sie finden Wohlgefallen au irdischen Frauenund geben so einem Geschlecht von Halbgöttern den Ursprung, aufwelches noch in später Zeit Alle, die durch Geburt und gebietendeStellung hervorragen, mit Vorliebe ihren Stammbaum zurückführen.Damit hat sich der Uebergang des Naturmythus in die Heroen-sage vollzogen. In ihr fliessen Mythus und Geschichte mehr undmehr in einander, indem theils der Naturmythus eine historischeUmdeutung erfährt theils aber historische Begebenheiten mit denZügen des einstigen Naturmythus ausgestattet oder durch freieSchöpfungen der mythenbildenden Phantasie dichterisch ausge-schmückt werden. Auf diese Weise wird das eigenste Gebiet desNaturmythus, die Natur selbst, allmählich dem mythologischenDenken entzogen, und dieses richtet sich, während sich das wissen-schaftliche Nachdenken der Naturanschauung bemächtigt, auf daswas dem Menschen immer ein Räthsel bleiben wird, seineZukunft und die Wechselfälle des Schicksals, und auf die dein Ge-däcktniss entschwundenen Anfänge seines Geschlechts und seiner Ge-schichte. Die Naturgötter gewinnen so schliesslich theils denCharakter von Schicksalsgöttern, theils werden sie zu Nationalheldenund Städtegründern. Nach beiden Richtungen ist der nie ganzverschwindende Dämonenglaube und Ahnencultus wohl im Stande,diesen Wandel der Anschauungen zu befördern. Immerhin ist esbemerkenswert!!, dass in Griechenland wie in Rom die directe Be-ziehung des Heroenthums zu der Verehrung der Verstorbenen ersteiner späteren Zeit angehört, welcher der Ursprung dieser mytho-logischen Entwicklungen völlig fremd geworden, und die bereitswesentlich von dem Einfluss orientalischer Religionsanschauungenabhängig war*!.
*) Vgl. Preller, Griecli. Mythologie, II, S. 7. Röm. Mythologie, II,S. 425 ff.