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Die Religion und die Sittlichkeit.
römische .Jupiter vom hellenischen Zeus! Jedes Volk schreibt, wieder ulte Mythenfeind Xenoplianes schon gesagt hat, seine eigenenTugenden und Fehlern auch seinen Göttern zu. Aber wo derMensch was er unter Menschen lobenswerth findet, auf dieGötter überträgt, da sieht er in diesen nicht mehr die Menschen,wie sie wirklich sind, sondern wie er wünscht, dass sie seinmöchten; und so wird ihm das Bild, das er ursprünglich selbstgestaltet, zum Vorbild, in dessen Nacheiferung er nach Vervoll-kommnung strebt.
Doch nicht bloss die Tugenden, sondern auch die Schwächenund Fehler verkörpern sich, gemäss jenem Streben des Menschen,alles nach aussen zu versetzen, was in ihm selbst leDt, in denmenschlich gedachten Naturgöttern; und auch hierzu liegen schonin dem sinnlichen Gefühlscharakter des ursprünglichen Naturmythusdie Bedingungen bereit. Der Wechsel von Tag und Nacht, vonWinter und Sommer, die Verdunkelung des Himmels durch dieGewitterwolke, die zerstörende Macht des Feuers, die versen-gende Glutli der tropischen Sonne und andere ähnliche Motivebieten sich überall dar, um dem ethischen Bedürfniss nach objec-tiver Verkörperung der düstern Gemüthsstimmungen und der an dasBöse und Unsittliche gebundenen Afifecte einen äusseren Anhalt zugeben. Das typische Beispiel dieser Art bilden namentlich jeneVorstellungen, welche von dem Kampfe des Lichtes mit der Finster-niss ausgegangen, und welche in der Mythologie der alten Iranierzu ihrer äussersten Entwicklung gelangt sind. Könnte es auch zu-nächst als eine Beeinträchtigung des ethischen Gehaltes der Reli-gionsanschauungen erscheinen, wenn diese nicht bloss ein positivesIdeal der Tugend, sondern zugleich ein negatives des Lasters ent-halten, so ist in Wahrheit doch eine solche Ausbildung von Gegen-sätzen ein besonders kräftiges Zeugniss sittlicher Werthschätzung.Denn diese verstärkt sich durch den Kampf der Gegensätze. DasTugendideal wird, wie jedes Gefühlserzeugniss, grösser und inhalt-reicher durch seinen Contrast mit dem Bösen. Auch das Christen-thum hat daher jenen Dualismus der iranischen Religionsvorstel-lungen sich zu eigen gemacht. Hierbei tritt derselbe aber, wie schonin seinen Ursprüngen, in einen innigen Zusammenhang mit denspäter zu betrachtenden Vergeltungsvorstellungen, durch welche dieIdee des sittlichen Ideals von dem neben ihr schon im Naturmythusvorgebildeten Gedanken der sittlichen Weltordnung theilweise ver-drängt wird.