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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittlichkeit.

legt dieser gestaltenden Thiitigkeit der Phantasie keine Schrankenmehr auf, und die Trennung des Gottes von dem Naturobject machtes möglich, ihm auch solche Attribute beizulegen, die durch seineursprüngliche Naturbedeutung nicht gefordert waren. In dem Masseals in Folge dessen die letztere überhaupt vergessen wird, gestaltetsich die Götterwelt zu einem phantastisch gesteigerten Abbild derMenschenwelt. Gehen auch in dieses Abbild die Schwächen undFehler des Menschen, und sie ebenfalls in mancher Beziehung ingesteigerten Formen, über, so gewinnen doch nicht minder dieGötter als erhabene Vorbilder jeder Art Tüchtigkeit, die unterMenschen geschätzt ist, eine um so grössere Bedeutung, je mehrdie Menschenähnlichkeit dieser Götterwelt empfunden wird. Eserscheint dem Menschen nicht mehr als ein Ding der Unmöglich-keit, selbst dem Gotte ähnlich zu werden; ja in einzelnen Fällentritt dieses Streben geradezu als eine Forderung an ihn heran. Sowurde in Rom von dem Flamen Dialis verlangt, dass sein eigenesLeben ein Beispiel jener höchsten Reinheit und Heiligkeit sei, dieman sich in dem Gott, dem er diente, verkörpert dachte*).

Gleichwohl erhält sich in der ethischen Bedeutung, die so dieVermenschlichung der Göttergestalten des Naturmythus gewinnt,genug von dem ursprünglichen Wesen dieser Götter, dass dieGefühlsfärbung, die dem Natureindruck anhaftet, auch in diespäteren Umwandlungen übergeht: sie wird nur vermöge jener Ver-wandtschaft der Gefühle, denen die ästhetischen Wirkungen ihreMacht über das Gemüth verdanken, aus dem Sinnlichen in das Sitt-liche hinübergetragen. Sicherlich geschieht das aber, ohne dassursprünglich die Uebertragung als solche empfunden würde. Miteiner Art von Zwang verwandelt sich vielmehr für das primitiveDenken der lichte Himmelsgott in ein Vorbild sittlicher Reinheit,die Gewitterwolke in einen Unheil sinnenden Dämon, u. s. w. DasBedürfniss des Gemüths, die guten wie die schlimmen Ideale nicht ineiner einzigen Vorstellung verkörpert zu denken, sondern sie denverschiedenen Richtungen des Gefühls folgend in eine Vielheit zuscheiden, findet dabei einen Anhalt in der Mannigfaltigkeit derNaturerscheinungen, deren jede die Anlage in sich trägt als sinn-liche Basis einer besonderen ethischen Vorstellung zu dienen. Ander-seits freilich wirkt dieser trennenden Tendenz in einem gewissenGrade wieder die menschenähnliche Persönlichkeit der umgewandelten

*) Preller, Römische Mythologie, I, S. 201.