Die psychologische Entwicklung des Mythus.
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liehe Voraussetzung, dass sie sich nicht einmal die Mühe nehmen,dieselbe psychologisch begreiflich zu machen. Von vornherein giltes diesen Forschern als ausgemacht, der Mensch der Urzeit sei beider Gestaltung seiner Weltanschauung nur von einem Motive be-stimmt worden.
Nach den in der classisclien Mythenforschung zur Herrschaftgelangten Ansichten besteht dieses Motiv in der Deutung der Natur-erscheinungen : auf der frühesten Stufe seiner Entwicklung scheinthier der Mensch völlig von dem Interesse der Naturerklärung be-herrscht zu sein, die dann freilich nur in einer phantastischen oderpoetischen Form gelingen konnte. Dieser Auffassung hat diemoderne Anthropologie, gestützt auf die Beobachtung der Natur-völker . den Geister- und Dämonenglauben als den Anfang allerMythologie gegenübergestellt. und sie ist meist der Ansicht, dass dieserGlaube theils von dem Eindruck des Todes, theils von den Erschei-nungen des Traumes seine Anregungen empfangen habe, daher ersich überall mit einem Seelen- und Almencultus vereine. Der Natur-mythus, der bei den Mythologen der classischen Richtung den Aus-gangspunkt bildet, wird dann liier zum Ende der ganzen Entwick-lung. indem man ihn irgendwie künstlich, etwa durch die Annahmeeines Uebergangs der Seelen Verstorbener in die Naturobjecte, ausdem Almencultus entspringen lässt.
Für die in diesen Theorien herrschende Uebertragung spätentstandener Einheitsbedürfnisse der Vernunft auf die frühesten Zu-stände des menschlichen Denkens ist es bezeichnend, dass sich da-mit nicht selten psychologische Erklärungen verbinden. die an dieVersuche des alten Mythendeuters Euhemeros lebhaft zurückerinnern.Erblickt auch der moderne Euhemerismus nicht mehr in Zeus einenvormaligen König von Kreta und in Aeolus einen in Wetter-prophezeiungen erfahrenen Seemann, so ist er doch darin mit seinemantiken Vorbilde ganz einverstanden, dass er die Annahme für ab-surd erklärt, es könne dem menschlichen Geiste mit einer so phan-tastischen Auffassung der Wirklichkeit, wie sie der Mythus zuenthalten scheint, ursprünglich Ernst gewesen sein*). Demgemässbetrachten die Euhemeristen unter den classischen Mythologen
*) Vgl. hierzu die mit einander übereinstimmenden Bemerkungen vonMax Müller, Essays. II, S. 10 ff., und Herbert Spencer, Sociologie, I,S. 159, die um so charakteristischer sind, als diese beiden Forscher im übrigenauf völlig entgegengesetzten Standpunkten stehen.