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Die Sprache und die sittlichen Vorstellungen.
giöse Beziehung eine sehr allgemeine, ja sie erstreckt sich nichtselten auf die Gegensätze des Guten und Bösen und andere ethischeAttribute. Namentlich auf indogermanischem Sprachgebiet sind dieseBeziehungen zum Cultus der Götter zahlreich, und sie haben sicham lebendigsten bei den Indern erhalten, entsprechend der ungeheurenBedeutung, welche hier Opfer und andere äussere Cultushandlungenfür die sittliche Werthschätzung besassen*). In diesen frühestenSpuren der Entwicklung ethischer und religiöser Begriffe weist dieSprache schon auf einen Einfluss hin, der uns in ausgeprägtererGestalt noch bei dem sittlichen Inhalt der religiösen Vorstellungenselbst sowie bei den ursprünglichen Formen der Sitte begegnen wird.In dem allgemeinen Ergebniss aber, dass die ethischen Begriffe erstallmählich ihren specifischen Inhalt erworben und sich von derBeimengung fremdartiger Elemente befreit haben, trifft diese Zurück-führung sittlicher Vorstellungen auf eine religiöse Wurzel mit denfrüher betrachteten Erscheinungen zusammen.
So führt uns die Sprache auf verschiedenen Wegen zu der Ueber-zeugung, dass die sittlichen Vorstellungen in der Form, in welchersie heute unser sittliches Bewusstsein kennt, die Erzeugnisse einerlangen Entwicklung sind, bei der eine fortschreitende Vertiefungund Verinnerlichung derselben eingetreten ist; und zahlreiche That-sachen bezeugen es, dass Dichtung und Philosophie auf diesenProcess einen mächtigen Einfluss ausübten. Zwar lassen sich dieErscheinungen der Sprache nicht unmittelbar in ethische Vorgängezurückübersetzen, weil die Vorstellungen selbst von den Hülfsmittelnihrer Bezeichnung verschieden sind, und weil hier wie überall dasäussere Zeichen dem inneren Vorgang erst nachfolgt. Aber daanderseits doch keine wichtigere Aenderung in der Vorstellungsweltdes Bewusstseins geschehen kann, ohne ihre Wirkungen auf dieHülfsmittel des Gedankenausdrucks zu üben, so werden wir immer-hin annehmen dürfen, dass die Entwicklung der ethischen Vor-stellungen im selben Sinne vor sich gegangen ist wie der Bedeu-tungswandel der Bestandtheile des ethischen Wortschatzes. Der letz-
*) Vgl. A. Pictet, Origines indo-europeennes, 2. edit., III, p. 298, 461 ff.Innerhalb der Begriffe des Guten und Bösen scheint besonders in dem latei-nischen malus, sanskr. malas die Beziehung auf den religiösen Cultus erhaltenzu sein. Zusammenhängend mit griech. peXou; schwarz, sanskr. malam Schmutz,führt man es auf eine Wurzel mal mit der Urbedeutung besudeln, befleckenzurück. Curtius, Gr. Etym., 5. Aufl., S. 370.