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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Vertiefung der sittlichen Anschauungen.

das Substantivum Recht in der Bedeutung der äusserlich gesetztensocialen Ordnung hervorgegangen. Dieser Begriff des Rechts hatdann wohl auf die Auffassung des Gerechtseins herübergewirkt: alsgerecht gilt nunmehr, wer dem Rechte gemäss handelt, der Schuld-lose, und damit ist erst der moralische Inhalt des Begriffs gesichert.

Zu fromm hat sich in unserem Verbumfrommen für nützen,fördern noch einigermassen die Urbedeutung erhalten. Der Frommeist der Nützliche, Treffliche, in einer noch früheren Zeit vielleichtder Vorderste, da das gothische fruma vollständig dem lateinischenprimus entspricht: der allgemeine Begriff des Vorrangs hat sich alsohier zuerst zu dem des Vorzugs durch persönliche Eigenschaften,und dieser endlich zu dem der gottesfürchtigen, religiösen Gesinnungyerengt*). Einen ähnlichen Wandel hat der Begriff edel erlebt,nur dass sich die Beziehung auf den Adel der Geburt, mit dem auchdas Wort ursprünglich zusammenhängt, neben der überwiegend ge-wordenen moralischen Bedeutung, wenn auch in seltenerem Gebrauche,erhalten hat.

Der nämliche Rückgang vom Aeusseren auf das Innere be-gegnet uns bei den Ausdrücken der sittlichen Missbilligung. DasEigenschaftswort stolz bezieht sich in älterer Zeit ausschliesslichauf einen eiteln, prahlerischen Menschen, so dass man sogar, ob-gleich wohl mit Unrecht, an eine Entlehnung aus dem lateinischenstultus oder, vielleicht mit grösserem Recht, an eine Beziehung zudem altgermänischen Wort Stelze gedacht hat. Die Tücke ist einmissverstandener Plural zu dem älteren Wort Tuck, und dieses be-zeichnet einen rasch und unversehens ausgeführten Schlag. Einerlaubtes Mittel im Kampf oder Kampfspiel, hat das Wort, wie somanches andere, seine üble Nebenbedeutung erst durch die Ueber-tragung auf die inneren Eigenschaften des Charakters erhalten. Einmerkwürdiges Paar ähnlicher moralischer Eigenschaftswörter sindendlich schlimm und schlecht. Heute bedeuten sie uns ungefährdas nämliche, ursprünglich sind sie Gegensätze. Schlimm (mittel-hochd. slimp) ist schief, und schlecht (sieht) ist gerade. Durch dieZwischenbedeutungen des Einfachen, Schlichten, Geringen hat, wieman annimmt, das Schlechte seinen Uebergang in malam partemgefunden. Die Verbindungschlecht und recht hat sich aus derSprache Luthers noch heute im Sinne einer verstärkenden Häufungsynonymer Attribute erhalten. Dass beide Wörter von einer fast

*) Grimms Wörterbuch, IV, 1, S. 239.

Wundt, Ethik. 2. Aufl. 3

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