Geschichte der Wörter: ethisch, moralisch, sittlich.
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reichern“, dem Griechischen nachgebildet habe *). Dass das
römische Wort „mos“ keineswegs mit dem Ethos im AristotelischenSinne sich deckt, blieb dabei freilich unbeachtet, da der Römer beiseinem mos, mores ursprünglich nur das Aeussere der Sitte sowie dieEigenschaft, sein eigenes Betragen nach der herkömmlichen Ord-nung einzurichten, im Auge hatte. Erst in spätlateiuischer Zeit istaus dem Adjectivum moralis die moralitas entstanden**). Aus demLatein der Kleriker, in welchem dieses Wort eine rasch wachsendeVerbreitung gewann, ist es dann in die neueren romanischen Spra-chen und das Englische übergegangen. Unser deutsches Wort „sitt-lich“ aber in seiner mit moralis zusammenfallenden Bedeutung isthöchst wahrscheinlich nichts anderes als eine Art Uebersetzung desletzteren, der dann in ähnlichem Sinne die Uebertragung der mora-litas in das Substantivum Sittlichkeit nachgefolgt ist. Hierfür sprichtder Umstand, dass noch im Mittelhochdeutschen das Wort sittlich(sitelich) ausschliesslich im Sinne unseres „sittig“, für bescheiden, an-ständig, der Sitte gemäss gebraucht wird, während das Wort Sitt-lichkeit überhaupt fehlt ***).
Nehmen wir zu dem Resultat dieser auf den Sprachgebrauchder uns nächststehenden Culturvölker bezüglichen Betrachtungen nochdie Thatsache hinzu, dass überall, wo wir sonst das natürliche Sprach-bewusstsein befragen, dasselbe immer nur einzelne Tugenden undsittliche Vorzüge zu benennen weiss, so ist der Schluss gerecht-fertigt, dass der Gesammtbegriff des Sittlichen überhaupt erst eineThat des wissenschaftlichen Nachdenkens sei. Nicht als ob esdem ursprünglichen Bewusstsein ganz und gar an den Vorbereitungenhierzu gemangelt hätte. Lob und Tadel sind gegenüber den Hand-lungen unserer Mitmenschen so natürliche Aeusserungen, dass sieschon auf der rohesten Stufe des sittlichen Unterscheidungsvermögensnicht gefehlt haben können: und sobald sie vorhanden waren, musste
*) Cicero, De fato, 1. (Opera ed. Orelli, IV, p. 567.)
**) Die Dexica nennen Maerobius als den Schriftsteller, welcher zuerstdas Substantivum moralitas gebrauchte. Die einzige Stelle, an der bei Mac ro -bius das Wort vorkommt (Sat., Lib. V, c. 1. 16), enthält es aber nicht imSinne von Sittlichkeit, sondern es ist von der „moralitas stili“, vom Charakterdes Stils, die Rede. Nach Ducange’s Glossarium nov. ad script. med. aev.ist der ungefähr um dieselbe Zeit (Ende des vierten Jahrh.i lebende Kirchen-vater Ambrosius der Erste, der moralitas im Sinne von morum probitasan wendet.
***) M. Lexer. Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 2. Aufl. Leinzin-
1881.