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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Geschichte der Wörter: ethisch, moralisch, sittlich.

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schaftliclien Bedürfnissen begründeten Ursprung haben, als primitiveSchöpfungen des Volksgeistes betrachtet, sondern auch umgekehrt:ein Mangel bestimmt unterschiedener sprachlicher Zeichen darf nichtohne weiteres als eine mangelnde Unterscheidung der Begriffe selbergedeutet werden. Ist es doch wahrscheinlich, dass eine ausgedehnteHomonymie ursprünglich die Sprache beherrschte. Nur der in lite-rarischen Denkmälern aufbewahrte Sprachgebrauch kann daher mitvoller Sicherheit über die Existenz der Vorstellungen entscheiden:und erst wenn man im Stande ist, auf diesem Wege die Geschichteeines Wortes durch alle Wandlungen seiner Bedeutung zu verfol-gen, werden aus solchen Veränderungen mit einiger SicherheitRückschlüsse auf die Entwicklung des Bewusstseins gemacht wer-den können.

Diese Gesichtspunkte kommen schon bei der ersten Frage zurGeltung, die uns bei der Untersuchung der ethischen Vorstellungenauf sprachlichem Gebiete begegnet: bei der Frage nach der Ent-stehung und Bedeutung der Allgemeinbezeichnungen, welchesich für das Gesammtgebiet des Sittlichen ausgebildet haben. Manpflegt einen tiefen und sinnigen Gedanken darin zu finden, dass dieSprache das Sittliche mit der Sitte in nächste Beziehung bringt.In der Thatsache, dass diese Anlehnung an die Sitte (mos, sfioc)mindestens drei Mal, bei den Griechen, Römern und Germanen,sich wiederhole, glaubt man einen Beweis zu erblicken, dass es sichhier nicht um eine zufällige Verbindung, sondern um eine zwingendeVorstellung des menschlichen Bewusstseins handle. Ja es wird zu-weilen als ein besonderes Verdienst der deutschen Sprache be-trachtet, dass sie durch die selbständiger gewordene Bezeichnungden Begriff der Sittlichkeit deutlicher von Sitte und Recht ge-sondert habe, als dies bei den Griechen, Römern und altorientalischenVölkern der Fall gewesen*). Die wirkliche Geschichte des Wortesvermag diese Vermuthungen nicht zu bestätigen. Weder auf deutschemnoch auf römischem Boden hat sieh die Anlehnung des Sittlichenan die Sitte unabhängig vollzogen, sondern sie ist nach dem Vor-bild des griechischen Wortgebrauchs entstanden; und auch hier istsie nicht eine ursprüngliche Handlung des Völkerbewusstseins, son-dern eine persönliche That, die keinen geringeren als den grossenrealistischen Ethiker der Griechen, Aristoteles, zu ihrem Ur-heber hat. Indem er die'ethischen Tugenden von denjenigen der

*) H. v. Jhering, Dev Zweck im Kecht. II, S. 50, 59.