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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
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Die sittlichen Nonnen.

In der engeren Bedeutung dagegen, welche zugleich die ursprüng-liche ist, ist die Norm eine Willensvorschrift: sie bezeichnetunter verschiedenen Arten möglicher Handlungen diejenige, die be-vorzugt werden soll. Der Bethätigungen des Willens, welche der-artigen Normen unterworfen werden können, gibt es aber zwei:theoretische oder Denkhandlungen und praktische odersittliche Handlungen. Hiernach sind Logik und Ethik diebeiden eigentlichen Normwissenschaften, und unter ihnenenthält wieder die Ethik den Normbegriff in seiner ursprüng-lichsten Gestalt, als eine reine Willensregel, die dem Sein ein Sollengegenüb erstellt *).

Fassen wir den Begriff der Norm in dieser allgemeinen ethi-schen Bedeutung auf, so wird es nun aber weiter erforderlich,Grundnormen und abgeleitete Normen zu unterscheiden, indemwir unter den ersteren Forderungen verstehen, die nicht auf anderevon allgemeinerem Charakter zurückgeführt werden können, währenddie letzteren einzelne Vorschriften sind, die aus solchen Grundnormendurch die Anwendung auf besondere Fälle und unter besonderenBedingungen hervorgehen. Die Grundnorm hat hiernach für dieEthik zugleich die Bedeutung eines Axioms. Sie besitzt ähnlichdiesem Allgemeinheit und Allgemeingültigkeit. Die einzelnenSittengebote dagegen sind abgeleitete Normen. Wie in einermathematischen Disciplin alle Theoreme auf Axiome zurückgehen,so verdankt auch jedes specielle Sittengebot seine Beglaubigungerst der Uebereinstimmung mit den allgemeinen ethischen Grund-normen.

Es würde verfehlt sein hieraus zu schliessen, die sittlichenGrundnormen seien auch in ihrer zeitlichen Entstehung den ein-zelnen Sittengeboten vorausgegangen. Sie sind das ebenso wenig,wie jene abstracten Sätze der Theorie die wir Axiome nennen frühererkannt waren als. ihre einzelnen Anwendungen. Die logischenDenkgesetze hat der Mensch Jahrtausende lang geübt, ehe Aristo-teles denSatz des Widerspruchs aufstellte; die Kenntniss einzelnerZahlformeln und specieller geometrischer Sätze war lange geläufig,ehe man den Versuch unternahm die axiomatischen Voraussetzungenauf denen jene beruhten nachzuweisen, und die rationellste Formu-lirung dieser Voraussetzungen ist vielleicht noch jetzt nicht überallgefunden. So dürfen wir uns denn auch nicht wundern, dass, ob-

*) Vgl. hierzu Einleitung S. 6 ff.