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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der sittliche Wille.

höchstens auf den späteren Stufen dieser Entwicklung in der all-gemeinen Form ausgeübt, in der wir sie hier, absehend von allenbesonderen Erscheinungen, betrachten mussten. Auch in diesemFall ist es die religiöse Gestaltung der sittlichen Ideen, die jederandern vorausgeht. So wirkt der Imperativ des äusseren Zwangszunächst ausschliesslich in der Form des religiösen Sittengebots, undnur die Mittel, mit denen der Zwang wirkt gehen allmählich an diepolitische Gewalt über, die von da an mit dem religiösen Einflüssein jenen Zwang sich theilt. Ebenso übt der Imperativ des innernZwangs seine Wirkungen durch die Verhältnisse der religiösen Ge-meinschaft und durch die von ihnen erst allmählich sich ablösendenfreien Einflüsse der Sitte aus. Der Imperativ der dauernden Be-friedigung schafft sich durch die Aussicht auf unvergängliche Be-lohnungen und Strafen die höchsten Motive, die in dieser Gestaltüberhaupt existiren können. Auch dem sittlichen Lebensideal fehltaber schliesslich diese religiöse Form nicht; ja sie wird hier zu einerbesonders wirkungsvollen, indem dasselbe als persönliches Vorbildsittlicher Lebensführung jedem Einzelnen gegenübertritt *). Erfülltin allen diesen Beziehungen die Religion ihre Sendung als Erzieherinzur Sittlichkeit, so darf jedoch nicht übersehen werden, dass sie diesnur deshalb kann, weil sie selbst nicht, wie es heute noch diedogmatische Auffassung meint, von dem menschlichen Gemüth ver-schieden, sondern weil sie nichts anderes als die concrete sinn-liche Verkörperung der sittlichen Ideale ist. Was derMensch von frühe an als Inhalt seines sittlichen Bewusstseins empfindet,das stellt seine Phantasie als eine objective, aber doch in fortwäh-renden Beziehungen zu ihm stehende Welt sich gegenüber. Ent-kleidet man daher die religiösen Vorstellungen ihrer phantasievollenForm, so bilden die Imperative des Gewissens ihren eigentlichenInhalt. Insbesondere aber enthält der letzte dieser Imperative, daer das Ideal schliesslich als eine nie vollendbare Aufgabe anerkennt,auch die Idee in sich, die der Religion ihren bei allem Wandel derVorstellungen beharrenden und über alle niedrigen mythologischenVerkörperungen der sittlichen Postulate erhabenen Werth gibt: dieIdee einer unvollendbaren und daher an sich transcen-denten sittlichen Aufgabe.

Unter den vier Imperativen des Gewissens enthält nur der letzteeine wirkliche Erkenntniss der wahren Beweggründe und Ziele des

') Vgl. Abschn. I, Cap. II, S. 79 ff.