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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Allgemeine Kritik der Moralsysteme.

Anschauungen, welche nur auf die subjectiven und individuellenAeusserungen der Moralität Gewicht legen, darin weit voraus, dasser in dem Gesammtwillen eine reale sittliche Macht erkennt.Wenn der einseitige Historismus dieses Princip so überspannt hat,dass die individuelle Ethik fast völlig verschwand und die normativeAufgabe derselben grossentheils an das positive Recht abgetretenwurde, so entspringt diese Einseitigkeit hauptsächlich daraus, dassder Einzelwille hier nur als ein Vollzugsorgan des Gesammtwillenserschien, während doch, wie die historische Betrachtung selber lehrt,umgekehrt die Einzelwillen es sind, die dem Gesammtwillen seineRichtung geben. Dass der letztere, schon um dem Ernst und Werthder ethischen Aufgaben gerecht zu werden, nicht als eine blosseSumme individueller Willensantriebe aufgefasst werden dürfe, daraufhingewiesen zu haben, ist das unleugbare Verdienst des ethischenUniversalismus, und die vermittelnden Richtungen desselben, ins-besondere die Systeme Schleiermachers und Krauses, haben auchnicht versäumt den Werth der einzelnen sittlichen Persönlichkeitenergisch zu betonen. Doch sind sie ihrerseits darin hinter demextremen Historismus zurückgeblieben, dass von ihnen ein Verhältnisdes Einzel willens zum Gesammtwillen, bei dem der letztere seinenselbständigen Werth behält, zwar postulirt, aber nicht begründetwurde, wenigstens nicht so wie es unsern heutigen wissenschaftlichenBedürfnissen entsprechen könnte.

Der Versuch, eine solche Begründung zu gewinnen, wird denWeg der genetischen Untersuchung einschlagen müssen. Von demEinzelwillen als der zunächst in der unmittelbaren Wahrnehmunggegebenen Thatsache wird diese Untersuchung ausgehen, und siewird sodann nachzuweisen haben, wie sich aus den ursprünglichenEigenschaften des Einzelwillens und den Bedingungen, denen erunterworfen ist, Motive und Normen des Handelns entwickeln, die,über das individuelle Bewusstsein hinausreichend, auf einen Gesammt-willen zurückweisen, dessen Träger die Einzelnen, und in dessenumfassenderen Zwecken ihre individuellen Lebensaufgaben einge-schlossen sind.