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Allgemeine Kritik der Moralsysteme.
weit beziehen, voraussetzen *) ? Wenn man aber zugesteht, dass allediese Vorstellungen unmöglich fertig gegeben sein können, wie sollman sich dann das Auftreten der angeborenen moralischen Instinctebei der empirischen Entstehung jener Vorstellungen denken? Wiesollen die vererbten Nervenanlagen es zuwege bringen, beim Anblickeines leidenden oder in Gefahr gerathenen Mitmenschen die Re-gungen des Mitleids, der Hülfsbereitschaft und Opferwilligkeit aus-zulösen? In der That, die wirkliche Neurologie verhält sich zudiesen Annahmen ungefähr wie die wirkliche Astronomie und Geo-graphie zu den Entdeckungsreisen eines Jules Verne. Im Vergleichmit dieser neuesten Gestaltung der Lehre von den „ideae innatae“gebührt der älteren naiveren Vorstellung, die den Hauptinhalt derMoral, Metaphysik und Logik als ein göttliches Wiegengeschenk be-trachtete, das jedem Weltbürger bei seinem Eintritt ins Dasein mit-gegeben werde, wenigstens der Vorzug der Einfachheit.
Doch geben wir schliesslich die Ursachen und Motive dessittlichen Handelns überhaupt preis. Der Utilitarismus hat selbstseinen Hauptwerth stets darin gesehen, dass er eine für das Lebenpraktisch brauchbare Moraltheorie aufstelle, und er hat sich dahermehr mit den Zwecken als mit den psychologischen Bedingungen dersittlichen Erscheinungen beschäftigt. Nun bezeichnet der ältereUtilitarismus als sittlichen Zweck das Wohl Aller, der neuereseit Bentham etwas bescheidener das möglichst grosse GlückVieler. „Ultra posse nemo obligatur“, — auch die Menschheitmuss sich begnügen so viel individuelles Glück zu schaffen, als über-haupt bestehen kann. Den Umkreis dieses Glücks ist der neuereUtilitarismus in Bezug auf die Qualität der Glücksformen geneigtso weit wie möglich abzustecken und darunter namentlich denhöheren intellectueilen, ästhetischen und ethischen Freuden ihr vollesMass zuzutheilen. In der That, es begegnet ihm dabei, gewisseGüter noch einmal unter dem Specialnamen der sittlichen einzu-führen, wie das Glück der Liebe, der Freundschaft, die Freude ander Blüthe und der Freiheit des Vaterlandes und an der Erfüllunghumaner Pflichten. Wenn man bedenkt, dass die intellectu eilen undnamentlich die ästhetischen Freuden zum allergrössten Theil abermalsunter diesen ethischen Gesichtspunkt fallen, so würde die nähereDefinition der Maximation der Glückseligkeit ungefähr auf den Satz
*) Vergl. hierzu meine Grundzüge der physiol. Paych., 3. Aufl. II,S. 231 ff.