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Allgemeine Kritik der Moralsysteme.
zu directen Beweggründen des Handelns werden. Nun mag aufGrund der einmal feststehenden Allgemeingültigkeit sittlicher Ur-theile eine solche Entstehung einer wirklichen Tugend aus eineranfänglich bloss scheinbaren in Folge des schon von Aristoteles mitRecht gewürdigten Einflusses der Uebung da und dort einmal zu-treffen. Aber diesen Weg als die allgemeine Norm der sittlichenEntwicklung hinzustellen, ist widersprechend in sich. Auf Grundder Wirklichkeit kann zwar die Täuschung, der Schein der sich fürdie Wirklichkeit ausgibt, entspringen, aus blossen Täuschungen lässtsich aber nirgends eine Wirklichkeit hervorbringen.
Derartigen Erwägungen hat wohl die evolutionistischeRichtung des Utilitarismus nachgegeben, indem sie den zuerreichenden für die menschliche Gattung nützlichen Zweck von denetwaigen Motiven des Willens, die sie überhaupt als ziemlich gleich-gültige behandelt, ohne weiteres unabhängig machte. Gewisse Artender Thätigkeit haben sich im Lauf der Entwicklung als die für dieGattung nützlichsten herausgestellt: die mit der Tendenz dazu aus-gestatteten Individuen müssen sich daher im Kampfe ums Daseinerhalten, mögen die sie treibenden Motive sein welche sie wollen.Nun spielt der Kampf ums Dasein gewiss auch in der menschlichenGesellschaft seine Rolle. Aber wenn die Analogie mit dem thierischenSelectionsprincip wirklich zutreffen sollte, so wäre wenig Aussicht,dass gerade die Wohlwollenden und Selbstlosen obsiegen. UnterHähnen, die auf demselben Hofe gehalten werden, bleibt der herrsch-und selbstsüchtigste und nebenbei der kräftigste schliesslich allein übrig.Wenn es auf das Ueberleben der stärksten und ausdauerndsten Neigungenankommt, so hat zweifellos der Egoismus die grösste Aussicht durchnatürliche Züchtung verstärkt zu werden. Der utilitarische Evo-lutionist wird darauf antworten: im einzelnen Fall mag dies zutreffen,aber die Menschheit im ganzen kann nur fortbestehen, wenn dieentgegengesetzten Neigungen obsiegen; wollten sich alle Hähne sowie die Genossen desselben Hofes bekämpfen, so würde schliesslichkeiner übrig bleiben, der das Geschlecht fortpflanzte. Aber ich ent-gegne: wenn die Descendenztheorie klar machen will, dass im ganzendie selbstlosen Charaktere ausdauern mussten, so muss dies am ein-zelnen Falle geschehen. Wir begreifen, dass die Kräftigsten einerSpecies ausdauern, weil wir im einzelnen den Kräftigen über denSchwachen den Sieg davon tragen sehen; aber wir begreifen nicht,wie die Selbstlosen die Egoistischen besiegen sollen, da im einzelnenFall diese offenbar mehr Aussicht auf Erfolg haben. So müssen