Die autoritativen Moralsysteme.
413
wächst ihr die Verpflichtung dem Ursprung der letzteren im mensch-lichen Bewusstsein nachzugehen, womit von selbst die Autonomie desSittlichen postulirt wird.
3. Die eudämonistischen Moralsysteme.
Der individuelle Eudämonismus oder Egoismus hatfür sich allein niemals ein eigentliches Moralsystem gebildet. Wodie Selbstliebe als ausschliessliches Motiv und einziger Zweck mensch-lichen Handelns geltend gemacht wurde, wie bei den Sophisten imAlterthum oder bei Mandeville in der neueren englischen Moral-philosophie, da geschah dies in der Absicht die Existenz von Moral-gesetzen überhaupt zu bestreiten. Selbst die Ethik der Epikureererkennt die Nothwendigkeit der staatlichen Ordnung und damit dieRücksicht auf Andere an; sie ist ein Utilitarismus mit stark egoistischerFärbung. Dagegen ist der universelle Eudämonismus oderUtilitarismus eine der verbreitetsten ethischen Anschauungen.Nach den individuellen Zwecken, welche bei ihm für das gemein-nützige Handeln vorausgesetzt werden, zerfällt er aber wieder inzwei Hauptformen: den egoistischen und den altruistischenUtilitarismus.
a. Der egoistische Utilitarismus.
Schon bei Hobbes spielt der Utilitarismus mit egoistischenZweckmotiven neben der autoritativen Begründung der Sittengeboteeine wichtige Rolle. Seit Locke ist dann diese Anschauung dieherrschende in der englischen Moralphilosophie geblieben; selbst einHume, Bentham und Mill haben sich nicht ganz von ihr zu befreienvermocht. Nach den vorausgesetzten psychologischen Motiven zer-fällt sie aber wieder in zwei Unterformen, in eine Reflexionsethikund in eine Associations- und Gefühlsethik.
Die utilitaristische Reflexionsetliik mit egoistischerBasis, welche von Hobbes und Locke und theilweise noch vonBentham und Mill vertreten wird, nimmt an, dass das selbstloseHandeln ein Resultat egoistischer Ueberlegungen sei. Dabei bleibtnun zunächst unbegreiflich, wie der Mensch die Nützlichkeit selbst-loser Handlungen einsehen soll ehe er noch solche vollbracht hat,und wie er sie vollbringen soll ohne ihren Nutzen erfahren zu haben,