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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Allgemeine Kritik der Moralsysteme.

staltig auch in allen diesen Beziehungen die in der Geschichte zurEntwicklung gelangten systematischen Versuche sind, doch ein dritterBegriff, den man von vornherein ebenfalls für geeignet halten könnteals Eintheilungsgrund zu dienen, nämlich derjenige der Norm, inder That einen solchen nicht abzugeben fähig ist. Nicht als ob inden Eormulirungen, die man den sittlichen Normen gegeben hat,nicht gewisse charakteristische Unterschiede vorkämen; aber diesesind im ganzen sehr unwesentlich, und bei näherer Prüfung erweistsich der materielle Inhalt der meisten sogenannten jSittengesetzeals ein fast übereinstimmender: insoweit Unterschiede Zurückbleiben,sind es solche, die in den Motiven und namentlich in den voraus-gesetzten Zwecken weit deutlicher zum Ausdruck gelangen. Ausdieser Bemerkung kann man die tröstliche Zuversicht schöpfen, dasses sich hier zumeist nur um einen Streit der Theorie, nicht um einensolchen des praktischen Lebens handelt. Darüber, was sittlich sei,ist man in der Regel einig, nur über das warum und wozugehen die Meinungen auseinander.

Von den beiden oben genannten Eintheilungen ist die nachden Zwecken die wichtigere; denn es ist eine mindestens praktischwichtigere Frage, welche Erfolge durch unser Handeln erreichtwerden sollen, als durch welche inneren Beweggründe wir dazu be-stimmt werden. Darum besteht auch über die erstere Frage dermeiste Streit der Meinungen und in vielen Fällen der einzige, da inälterer Zeit fast alle Moralphilosophen und in neuerer wenigstensnoch manche von der Voraussetzung ausgegangen sind, Motive undZwecke fielen immer zusammen, denn das Motiv sei nichts anderesals der in der Vorstellung anticipirte Zweck. Die Untersuchung dersittlichen Thatsachen hat uns gelehrt, dass diese Voraussetzung imallgemeinen irrig ist, insofern der Zweck mit dem Motiv zwar über-einstimmen kann, aber keineswegs übereinstimmen muss; auchbei der Classification der Moralsysteme werden daher beide Einthei-lungsgründe zu trennen sein. Da jedoch die Eintheilung nach denZwecken die wichtigere und die Auffassung der letzteren meistauch für die Bestimmung der Motive massgebend ist, so sollen dernachfolgenden Kritik der Moralsysteme die vorausgesetzten Zweckezu Grunde gelegt werden, wogegen wir die Motive benützen wollen,um die erforderlichen Untereintheilungen zu gewinnen.