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Die neuere Ethik.
dankenexperimente einen gewissen Werth beanspruchen, indem dieAnnahme eines egoistischen Naturzustandes uns die Unmöglichkeitauch nur der kürzesten Dauer eines solchen veranschauliche, währendumgekehrt die eines goldenen Zeitalters uns belehre, dass, wennjeder Mensch von Wohlwollen gegen alle andern beseelt wäre, oderwenn die Natur für alle Bedürfnisse reichlich gesorgt hätte, dieTugend der Gerechtigkeit überflüssig sein würde.
Bei dieser Herleitung der Gerechtigkeit aus dem mässigendenEinflüsse der Reflexion auf die Affeote wird Hume augenscheinlichdurch die Idee der Entstehung des positiven Rechtes geleitet.Da er dieses mit seinem ganzen Zeitalter für eine von Grund auswillkürlich und planmässig entstandene Schöpfung hielt, so lag ihmder Gedanke nahe, auch die ethische Eigenschaft auf der alle Rechts-bildung beruht, die Gerechtigkeit, als eine Art Erfindung zu be-trachten. Indem nun aber in seinem Moralsystem die Gerechtigkeitunter allen Tugenden die herrschende Stellung einnimmt, gewinntpraktisch das Moment der Reflexion das Uebergewicht über die Ge-fühlsmoral, von welcher er ausgegangen war.
Auch der Religion steht Hume wieder skeptischer gegenüber alsHutcheson. Seine Ansicht, soweit sie in den „Dialogen über natürlicheReligion“ hervortritt, scheint im wesentlichen die Baconische zu sein:eine abergläubische Religion ist schlimmer als gar keine. Ja ergeht noch weiter: eine reine Beligion enthält zwar nothwendig immerzugleich eine reine Sittenlehre, aber diese letztere kann darum dochnicht höher stehen als eine reine Sittenlehre überhaupt*). Als Resultatbleibt also, dass die Religion an und für sich für die Sittlichkeitwerthlos ist, dass sie derselben zwar Gefahren, aber keine Vortheilezu bringen vermag, die nicht auch anderweitig zu erreichen wären.
In diesen Anschauungen geht Hume so weit als irgend einerder englischen Freidenker des 18 ten Jahrhunderts; von den meistenderselben scheidet ihn aber die tiefere und umfassendere Begründung,die er seiner Ethik zu geben sucht. Dennoch ist es der Reflexions-Standpunkt, den Hume so ganz und gar der Religion gegenübereinnimmt, der auch seine Ethik zu einer zwiespältigen macht. SeinVersuch, aus einem harmonischen Zusammenwirken verschiedenartigersittlicher Affecte die Thatsachen des sittlichen Lebens abzuleiten,wird von dem Zweifel durchkreuzt, ob ein so interesseloser Afiect,wie die Gerechtigkeit auf dem egoistischen Boden menschlicher Ge-
*) Dialogues conc. natural religion, P. XI1.