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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

sich in Schwarz oder, wie noch heute vielfach im Orient und in derVorzeit wahrscheinlich bei allen Völkern, in Weiss. Ist die Ver-meidung des Bunten ein dieseii verschiedenen Sitten gemeinsamerund aus der Stimmung des Trauernden heraus leicht begreiflicherZug, so mag der TJebergang von Weiss zu Schwarz theils mit Ver-änderungen in den äusseren Bedingungen der Technik Zusammen-hängen, theils aber mag dabei das Streben mitgewirkt haben, fin-den Ausdruck der Trauer äussere Zeichen zu finden, die für dieseGemüthsstimmung ausschliesslich charakteristisch sind. Denn derTrauernde will durch das Kleid das er trägt nicht nur seinem eigenenGefühl Genüge thun, sondern es soll ihn auch in den Augen An-derer von dem Kreis der Fröhlichen scheiden *).

In diesen specifischen Trachten, welche die Sitte und in ge-wissen Fällen — wie hei der Uniform des Soldaten und der Amts-tracht des Beamten — sogar die staatliche Vorschrift in ihre be-sondere Obhut nimmt, treten noch jetzt ethische Beziehungen zuTage, die ursprünglich die Befriedigung auch dieses Lebensbedürf-nisses in allen seinen Gestaltungen durchdringen. Wenn heute nochdie Sitte Jedem eine in gewissen allgemeinen Merkmalen feststehende,aber je nach Geschlecht und Lebensalter variirende Form der Klei-dung vorschreibt, so ist das nur ein schwacher Nachklang derzwingenderen Normen, mit denen sie auch hier in einer Zeit, dieder Entstehung der Gesittung näher lag, das Lehen des Einzelnengeregelt hat. Die Kleidung, die ihm von allen Gegenständen derAussenwelt am nächsten ist, mahnt den Menschen am eindring-lichsten an die Abhängigkeit von der ihm mit seinen Stammes-genossen gemeinsamen Sitte. Einem Zeitalter, welches diese Wechsel-beziehungen noch lebhafter empfindet, ist es daher nicht nur unmittel-bares Bedürfniss, jeder wichtigeren Lebenslage in der Form derKleidung Ausdruck zu gehen, sondern insbesondere erscheint auch

*) Vgl. hierüber die treffenden Bemerkungen von Jhering, Zweck imBeeilt, II, S. 312 ff. Uebrigens kann ich der Annahme Jherings, dass dasTrauerkleid überhaupt nicht des Trauernden sondern nur der Umgebung wegenda sei, nicht unbedingt zustimmen. Es ist zuzugeben, dass für uns heutedieser zweite Zweck überwiegt. Aber ebenso gewiss ist es, dass dies auf früherenStufen der Cultur anders war. Hier wird das Trauergewand meist nur wäh-rend der Leichenfeier angelegt, wo der Trauernde jenes Schutzes nicht bedarf.Wir haben es hier offenbar, wie in so vielen Fällen, mit einer Verschiebungder Motive zu thun, bei der ein ursprünglich secundäres Motiv über das primäredas Uebergewicht gewinnt.