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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

aus dem Tempel in das Wohnhaus wandert, so wird das Gebet vondem Opferschmaus übertragen' auf die tägliche Mahlzeit. Jene Sitte,dass die Mutter der Braut diese dem ihr bestimmten Gemahl zu-führt, findet ihren religiösen Hintergrund darin, dass die Frau alsdie Priesterin des Hauses galt, wie denn das Alterthum zur Göttindes Herdes eine weibliche Gottheit wählte. So hat vielleicht erstdie priesterliche Würde der Frau die Stellung einer Herrin desHauses erobert.

In vielen Fällen freilich wird eine Sitte, nachdem ihr einstigerZweck verschwunden, neuen Lebenszwecken von ernsterer Bedeutungnicht mehr dienstbar ge'macht. Einige der oben erwähnten Hoch-zeitsgebräuche, wie z. B. der nicht selten noch vorkommende Schein-kampf des Bräutigams mit den Verwandten der Braut, zählen hier-her. Obgleich scheinbare Ausnahmen von der Regel, sind dieseThatsachen doch merkwürdige Zeugnisse für jenes Streben nachErhaltung, das einer jeden durch Generationen hindurch ständig,gewordenen Lehensgewohnheit innewohnt, und man kann daherzweifeln, ob es mehr dies Erhaltungsbestreben an sich oder .der neuentstandene Zweck ist, der eine Sitte am Leben erhält.

Für das sittliche Leben halben die völlig zwecklos gewor-denen Rudimente früherer Sitten keine Bedeutung mehr. Sie sindhinfällig gewordene Ueberlebnisse einer längst vergessenen Cultur,die meist nur noch dem Spielbedürfnisse genügen. Insofern aberauch sie mit der Befriedigung dieses Bedürfnisses einen Zweck er-füllen, gilt die Regel, dass Lebensgewohnheiten, die ihre ursprünglichenZwecke verloren haben, neu entstandenen ihre Erhaltung verdanken,immerhin auch für sie. Zugleich hält jedoch der Sprachgebrauchdie Verbindung, in die von ihm das Sittliche mit der Sitte gebrachtist, darin fest, dass er in der Regel nur solchen Lebensgewohnheitenden Namen der Sitte zuerkennt, die zu dem sittlichen Leben ineiner unmittelbaren Beziehung stehen. Dabei braucht übrigens diesekeineswegs nothwendig eine für das sittliche Leben förderliche zusein. Den Kannibalismus z. B. und den Frauenraub rechnen wirzu den Sitten, so wenig wir auch den sittlich nachtheiligen Einflussderselben verkennen werden. Auch dieschlechte Sitte bleibt eineSitte, so lange dir überhaupt der Charakter der verbindenden Normzukommt. Nicht die Zwecklosigkeit an sich ist es also, die den sinn-los gewordenen Gebräuchen und Spielen den Charakter der Sitteentzieht, sondern allein das Fehlen der verpflichtenden Macht, dieeine Folge des Mangels ernsterer Zwecke ist. In einem gewissen