Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

16

Einleitung.

würde es doch wenig angemessen sein, wenn sie einen ähnlichenWeg der Untersuchung und Darstellung wie diese einschlagen wollte.Kann die Logik vermöge der einfachen Natur der Anschauungen,auf welche ihre Principien gegründet sind, diese ohne weiteres alsgegeben voraussetzen, so muss umgekehrt der Aufstellung derethischen Normen ihre Aufsuchung vorausgehen. Sie aber erweistsich vermöge der verwickelten Beschaffenheit des ethischen That-bestandes sogleich als eine der schwierigsten und umfangreichstenethischen Aufgaben. Jene Aufsuchung kann nun wieder auf dop-pelte Weise geschehen. Die ursprüngliche Quelle für die Erkennt-niss des Sittlichen ist das sittliche Bewusstsein des Menschen, wiees in den allgemeinen Anschauungen Uber Recht und Unrecht undausserdem vornehmlich in den religiösen Vorstellungen und in derSitte seinen objectiven Ausdruck findet. Der nächste Weg zur Auf-suchung der ethischen Principien ist daher derjenige der anthropo-logischen Untersuchung, wobei wir den letzteren Ausdruckin einem weiteren als dem gewöhnlich gebrauchten Sinne verstehen:die Völkerpsychologie, die Ur- und Culturgeschichte beschäftigensich ja nicht weniger als die Naturgeschichte des Menschen mitanthropologischen Problemen.

Ein zweiter Weg eröffnet sich uns in der wissenschaft-lichen Reflexion über die Sittlichkeitsbegriffe. Sie schöpftnaturgemäss selbst aus dem sittlichen Bewusstsein. Aber es tritt inihr zu dem unmittelbaren sittlichen Thatbestand die Selbstbesinnungund der Versuch einer Analyse und Unterordnung unter allgemeineGesichtspunkte hinzu. Ist auch dieser Versuch, wie oben bemerkt,zumeist mit der einseitigen Hervorkehrung einzelner Momente desSittlichen verbunden, so wird solche Einseitigkeit doch dadurcheinigermassen wieder ausgeglichen, dass verschiedene ethische Rich-tungen sich ergänzen. Dieser Umstand macht es zugleich unerläss-lich, dass sich mit der Betrachtung der geschichtlichen Entwicklungder ethischen Begriffe die Kritik der verschiedenen ethischen Systemeverbindet.

Nach dieser doppelten inductiven Vorbereitung, der Unter-suchung des ursprünglichen sittlichen Bewusstseins und der wissen-schaftlichen Reflexion über das Sittliche, ist nun die eigentlichsystematische Aufgabe der Ethik wiederum eine doppelte. Sie haterstens auf der gegebenen Grundlage die Principien zu entwickeln,auf welchen alle sittlichen Werthurtheile beruhen, und dieselben inBezug auf ihren Ursprung und ihren wechselseitigen Zusammen-