Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
2
Einzelbild herunterladen
 

o

Einleitung.

dasselbe Object anwenden können, so ist es begreiflich, dass sichjene Scheidung nirgends als eine principielle festhalten lässt. Soist in die Naturwissenschaft der Begriff der Norm in der Form desNaturgesetzes eingedrungen. Das letztere ist eine Abart desNormbegriffs, von dem ursprünglichen insofern abweichend, als eseine Abstraction von irregulären Thatsachen der Erfahrung nurunter dem Vorbehalte gestattet, dass dieselben ihrerseits bestimmtenNormen untergeordnet werden. Es ist selbstverständlich, dass dieserVorbehalt den ursprünglich mit der Einführung des Normbegriffsverbundenen Massstab verschiedener Werthschätzung sofort beseitigt.Die Naturwissenschaft hat also jenen Begriff assimilirt, indem sieihm durch die Aufnahme des Merkmals der Allgemeingültigkeiteine grössere Strenge verlieh, anderseits aber ihn dadurch des inihm enthaltenen Momentes der Werth Schätzung völlig beraubte.Dieser Process hat sich übrigens nur allmählich vollzogen, da manlängere Zeit genöthigt war, für die verwickelteren und schwierigerenObjecte den rein betrachtenden Standpunkt festzuhalten, währendbei den einfacheren bereits der Normbegriff zur Herrschaft gelangtwar, ein Stadium, welchem die Unterscheidung beschreibender underklärender Naturwissenschaften entspricht, und welches der Naturder Sache nach ein vorübergehendes ist.

Der Naturwissenschaft sind Psychologie und Geschichte in derAufnahme des Normbegriffs nachgefolgt. Mag auch die Nach-weisung von Gesetzen des geistigen Geschehens eine schwierigere,der Charakter dieser Gesetze ein von demjenigen der Naturgesetzeabweichender sein, so liegt doch in der Allgemeingültigkeit, die dasCausalprincip für unser Erkennen beansprucht, ein niemals ruhenderAntrieb, das Reich der geistigen Thatsachen ebenfalls der Herrschaftvon Gesetzen zu unterwerfen. Wenn man sich manchmal noch heutegegen diese Forderung sträubt, so liegt der Grund zumeist nur inder irrigen Meinung, es könne sich hier um eine directe Ueber-tragung des Begriffs der Naturcausalität oder sogar einzelner Natur-gesetze auf das geistige Gebiet handeln, während in Wahrheit dasletztere den Normbegrifif vollkommen selbständig entwickelt hat unddemnach auch in der Anwendung desselben nur nach seinen eigenenBedürfnissen sich richten muss. Wiederum gewinnt aber hier derBegriff durch seinen Uebergang in ein Gesetz des Geschehens extensivan Strenge, indem er intensiv jenes Moment der Werthschätzungeinbüsst, welches an eine Auswahl zwischen verschiedenen der Be-trachtung sich darbietenden Thatsachen gebunden ist. Eine ursprüng-