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Die Sprache und die sittlichen Vorstellungen.
treten. Die erste besteht darin, dass die sinnlichen Eigenschaften,die der Naturmensch rühmlich findet, den sittlichen, die der Cultur-mensch bevorzugt, in ihrem Gefühlscharakter wie in ihren causalenBeziehungen verwandt sind. Körperliche Gesundheit und physischeKraft sind stets die normalen sinnlichen Grundlagen des Mutlies, derTapferkeit, der Fertigkeit gewesen; sie sind es selbstverständlich aufroheren Stufen weit mehr als bei entwickelter sittlicher Cultur, aberbis zu einem gewissen Grade werden sie es vermöge der sinnlichenNatur des Menschen wohl immer bleiben. Eben desshalb werdenwir aber auch annehmen dürfen, dass ursprünglich schon mit derWerthschätzung der physischen Kraft eine Schätzung der von ihrgetragenen ethischen Eigenschaften verbunden gewesen sei. Diezweite Erscheinung besteht darin, dass aus den übereinstimmendensinnlichen Anlagen des menschlichen Bewusstseins schliesslich über-einstimmende sittliche Anschauungen sich wirklich entwickelt haben.Gegentheilige Behauptungen beruhen entweder auf übertreibendenSchilderungen der sinnlichen Vorstufen des sittlichen Bewusstseinsoder auf einer übermässigen Betonung jener speeifischen Färbungendes sittlichen Lebens, welche die wechselnden Bedingungen derCultur und des nationalen Charakters mit sich führen. Kein Un-befangenerkann sich der Ueberzeugung verschliessen, dass die Unter-schiede hier schliesslich nicht grösser sind als auf intellectuellemGebiete, wo trotz aller Mannigfaltigkeit der Anschauungen und Denk-richtungen doch die Allgemeingültigkeit der Denkgesetze feststeht.
Hiernach wird eine objective Interpretation der sprachlichenZeugnisse der Ansicht gewisser Anthropologen, welche die sittlichenIdeen für eine späte, auf einige Culturvölker beschränkte Erfindunghalten, ebenso ihre Zustimmung versagen wie der Meinung der-jenigen Philosophen, welche jene Ideen für ein ursprüngliches Be-sitzthum des menschlichen Bewusstseins erklären. Wie alle unsereAnschauungen und Begriffe, so sind auch die sittlichen einer Ent-wicklung unterworfen; aber die Keime dieser Entwicklung sindvon Anfang an gleichartig, und die Entwicklung selbst erfolgt,bei grosser Mannigfaltigkeit im einzelnen, nach übereinstimmendenGesetzen.
Doch die Sprache verräth uns in dem Wortschatz der sittlichenBegriffe und in dessen Wandlungen nur die äusseren Spuren der ge-waltigen Entwicklung, die das sittliche Bewusstsein selbst zurück-gelegt hat. Der grosse Werth dieser Spuren besteht vor allem inder vollkommenen Objectivität der sprachlichen Zeugnisse, in der