Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen
 

keit und sonstigen sittlichen Tüchtigkeit hervortritt, ist in der römischenvirtus auf die Mannhaftigkeit und Charakterfestigkeit der Haupt-werth gelegt, und das deutsche WortTugend enthält hier ineiner unserm heutigen Sprachbewusstsein noch fühlbareren Weiseals das Eigenschaftswortgut den Hinweis auf das Taugliche undPassende.

So wird die alte Erfahrung, dass die Wörter einer Sprache imGrunde genommen immer unübersetzbar sind, vielleicht nirgends sosehr als im Gebiet der ethischen Terminologie bestätigt. Freilichaber würde es übereilt sein, wenn man daraus schliessen wollte,dass ursprünglich überhaupt keinerlei Uebereinstimmung hinsichtlichdes sittlich Löbens- und Tadelnswerthen geherrscht habe. Gewisshat dem Inder die Charakterfestigkeit ebenso gut als eine Tugendgegolten wie dem Römer oder Germanen die Wahrhaftigkeit. Nurdie relative Werthschätzung der verschiedenen sittlichen Eigen-schaften ist eine abweichende. Aber auch dieser Unterschied hatsich schon im natürlichen Entwicklungsgang des Völkerbewusstseinsallmählich vermindert, indem die Wortbedeutungen, einer verbrei-teten Tendenz der Begriffsbildung Folge gebend, sich fortwährenderweiterten. Die vornehmste unter den lobenswerthen Eigenschaftendiente so mehr und mehr zur Bezeichnung des Lobenswerthen über-haupt. Schon die Einheit der sittlichen Persönlichkeit, welche stetsverschiedene Tugenden gleichzeitig zur Darstellung bringt, musstezu einer solchen Uebertragung herausfordern, indem sie es nahelegte, den Namen des Guten wie ein äusseres Zeichen zu gebrauchen,welches die Vereinigung aller jener persönlichen Vorzüge andeutete.Den letzten Schritt hat aber auch hier erst die philosophische Ethikgethan. Wie sie die Gesammtbezeichnung des Sittlichen geschaffen,so gewannen auch durch sie die Begriffe des Guten, des Schlechtenund der Tugend einen allgemeineren Werth, in welchem die ursprüng-liche nationale Färbung der sittlichen Anschauungen bis auf jeneunvertilgbaren Spuren verschwunden war, deren schliesslich auch diePhilosophie sich nicht völlig entäussern kann. So erscheint die all-mähliche Ausgleichung der specilischen Bevorzugungen einzelnersittlicher Eigenschaften als ein Vorgang, der durchaus mit der Aus-bildung eines Allgemeinbegriffs des Sittlichen zusammenfällt undgleich diesem erst in der von der Wissenschaft geübten ethischenReflexion sein Ende findet.

Wie es nun ein allgemeiner Charakterzug in der Geschichtedes Bedeutungswandels der Wörter ist, dass äussere sinnliche Eigen-