Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
264
Einzelbild herunterladen
 

— 264 —

bis zum Jahre 1814 etwa, wo sein Vater, ehedem Besitzereines einträglichen Tuch- und Manufakturgeschäfts, sein Ver-mögen verlor. Dann lebten sie nur von den Unterstützungendes reichen Salomon Heine. Heines Eltern waren frommeJuden; der Vater aus Gewohnheit und, wie es scheint,der öffentlichen Meinung wegen; die Mutter aus innigerUeberzeugung, und ihre Kinder wurden im Hause zur Er-füllung aller religiösen Ceremonien auf das Strengste an-gehalten. Nicht scharf genug kann die Einwirkung dieserJugendverhältniffe betont werden, weil einzig und alleinaus ihnen die Bildungsgeschichte Heines und die Entwickelungseines Charakters zu erklären sind, dessen seltsame Wieder-sprüche ohnedies genug psychologische Räthsel aufgeben.

Eine der interessantesten Partien der neuen „Memoiren"sind die leider nur zu flüchtigen Erinnerungen an Grabbe,den Heine einen betrunkenen Shakespeare nennt. Die Er-zählung von dem Mannscript des „Gothland" ist ebenfallsschon bekannt. Nur ist sie in der kritischen Gesammtausgabeder Werke Grabbes von. Oscar Blumenthal wahrheitsgetreuerdargestellt. Einer Mittheilung Köchys zufolge, soll Heine demihm das Manuskript zeigenden Professor Gubitz auf dessenBemerkung: „Sehen Sie sich einmal das Ding an. Einverrücktes Geschreibsel", die Antwort gegeben haben: „Sicirren sich, lieber Gubitz! Der Mensch ist nicht verrückt,sondern ein Genie." An dieser Ansicht hielt Heine auchin späteren Jahren fest. Es ist dies um so interessanter,als Grabbe in neuerer Zeit wiederum, und zwar von maß-gebendster Seite, in der Literaturgeschichte von W. Scherer,eine sehr abfällige, ja vernichtenve Benrtheilung erfahrenhat. Wenn Scherer Grabbe nur als eine Vorstufe zuHebbel betrachtet, so ist es hingegen charakteristisch, daßHeine oft in Privatgesprächen Hebbel wiederum nur alseine schwache Nachahmung Grabbes gelten lassen wollte.