— 259 —
berechtigt war. „Ick bin nicht geneigt, einen kurzen, dürrenLebensriß zu geben", schreibt er an Campe, „sondern eingroßes Buch, vielleicht mehrere Bände, welche den Schlußder Gesammtansgabe bilden sollen, und die ganze Zeit-geschichte, die ich in ihren größten Momenten mitgelebt,umfassen". Hat Heine seine Verehrer zu großen Erwartungenalso nicht nur berechtigt, sondern geradezu aufgefordert, somußten sich diese Erwartungen noch steigern, als wir hörten,daß derDichterineinemAnfallvonNasercidasganzeMemoiren-wcrk verbrannt, dann aber, etwa nach zwanzig Jahren,wieder von Neuem zu schreiben angefangen und dies neueWerk als sein kostbarstes Vcrmächtniß, als das Facit seinesganzen litterarischen Lebens angesehen, ja daß ihn noch bisin die Todesstunde der Gedanke beschäftigt habe, welchesAufsehen dieses Buch erregen würde. Und nun die Me-moiren! Ihr Herausgeber, Dr. Eduard Eugel, verdient denDank aller Freunde des Dichters, daß er schon im Vorworteine Warnungstafel vor allzngroßen Erwartungen aufgestellthat. Es ist also nicht seine Schuld, wenn die Erwartungendes Publikums nicht entfernt in Erfüllung gegangen sind.Das Fragment der Memoiren beschränkt sich zwar nur aufHeines Jugend, aber Heines Zugend fällt bekanntlich ineine merkwürdig bewegte Zeit. Die Frauzoscuherrschast inDüsseldorf, seiner Vaterstadl, die Emancipation der rheinischenJuden, die Freiheitskriege, die Burschenschaft erfüllen sie.Wenn man die Erinnerungen des Dichters aus seiner Knaben-zeit in den „Reisebildern" mit diesem Fragment vergleicht,jene sarbenfrische, leichibeschwingte, humorgewürzte Dar-stellung mit diesen verblaßten Aufzeichnungen des gealtertenDichters zusammenstellt, so wird man einen großen, nichtzu verkennenden Abstand wahrnehmeil und zugleich dasMaß der Enttäuschung begreifen, das alle diejenige» er-füllen mußte, die sich etwa mit den ,,Reisebildern" ans die
17*