Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
225
Einzelbild herunterladen
 

— 225 —

Reizendste und allerliebste Frau!

Ich bcdaurc lebhaft, Sie letzthin nur so kurze Zeit gesehen zuhaben. Sie haben mir einen sehr angenehmen Eindruck hinter-lassen, und ich empfinde ein großes Verlangen, Sie wiederzusehen.Kommen Sie von morgen an, wenn Sic können, in jedem Fallekommen Sic so bald wie möglich. Ich bin bereit, Sic in jederStunde zu empfangen, doch würde ich vorziehen, von 4 Uhr anbis . . . so spät wie Sie wollen. — Ich schreibe Ihnen selbst trotzder Schwäche meiner Augen, weil ich in diesem Augenblicke garkeinen vertraulichen Sekretär habe. Meine Ohren sind voll vonschrecklichem Lärm, und ich habe gar nicht aufgehört, leidend zusein. Ich weiß nicht, warum mir Ihre herzliche Sympathie sowohlthut; so abergläubisch zu sein, wie ich es bin! Zch bilde mirein, daß eine gute Fee mich besucht hat in der Stunde der Be-trübnis;. Nein, wenn die Fee gut, ist die Stunde glücklich. Oderwären Sie eine schlechte Fee? Ich muß das bald wissen.

Ihr Heinrich Heine.

Daß die Mouche alsbald kam, brauche ich wohl uichterst hervorzuhebeil. Immer inniger entwickelte sich dasfreundschaftliche Verhältniß. Camille wurde der vertrauteSekretär, sie korrigirte die französische Allsgabe der „Reise-bilder", er diktirte ihr die intimsten Briefe, unter andereilauch einen, der ihr besonders im Gedächtnis; geblieben, eswar ein Condolenzschreiben an die Baronin Betty v. Roth-schild nach dein Tode ihres Gatteil, voll des lebhafteil Beileidsund eine poetische Schilderung des innig warmen jüdischenFamilienlebens enthaltend. Die Familie Rothschild bewahrtdiesen interessanten Brief in ihrem Archiv auf.

Heine nennt sich, da er die „Mouche" so ernsthaft be-schäftigt, ihren „Schulmeister", und schon der zweite der ansie gerichteten Briefe beginnt mit der scherzhaften Wendung:

Kciue Schule heute, weil der Schulmeister noch nicht Pfarrerist, wie der alte Lißt sagt: deshalb behelfc ich mich heut ohneDich. Aber laß mich wissen, ob Du morgen Montag kommenkannst. Ich habe große Kopfschmerzen; es wäre egoistisch, Dichkommen zu lassen, ohne daß ich mich mit Dir unterhalten könnte.

15