Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
200
Einzelbild herunterladen
 

— 200 —

Mutter: „Ich komme mit Familie, d. h. meiner Frau undCocotte, dem Papagei." Mathilde hatte kaum die Muttergesehen — zum ersten Male überhaupt — als sie ihr klagte:„Ach, wenn Sie wüßten, wie seekrank der arme Vogel war!"Ist es da zu verwundern, wenn ein Mitglied der FamilieHeine von ihr sagt, daß „ihr französischer Charakter, ihrePariser Gewohnheiten nicht zu unseren strengen deutschenSitten paßten", nnd daß „auch sie im Kreise unserer Fa-milie sich nicht glücklich fühlen konnte, da sie nicht geliebt,sondern nur geduldet wurde!"

Aber das ist's ja eben, daß „sie nicht geliebt, sondernnur geduldet wurde", was uns der Lösung des Räthselserheblich näher bringt nnd uns begreiflich macht, daßMathilde und Cocotte schon nach vierzehn Tagen ihre Kofferpackten und die stolze Hammonia verließen. „Als sie fortwar, athmeten Alle freier auf", heißt es in den oben-citirten Relation, und nun sehe man abermals die BriefeHeines an Mathilde aus Hamburg und vergleiche damitdiesen Bericht der Familie, um Alles zu verstehen, was unsunklar und unwahrscheinlich in diesem dichterischen Ehelebenscheinen möchte.

„Meine liebe Nonotte!" — so beginnt der erste Brief— „ich bin seit Deiner Abreise zu Tode betrübt. . . . AlleWelt hier, besonders meine arme Mutter, istbetrübt wegen Deines Fortganges." Und schließtmit der Versicherung: „Ich liebe Dich mehr als je!"

Und das war Wahrheit, nicht dichterische Erfindung,wie selbst die heftigsten Gegner der armen Mathilde zuihrem Leidwesen eingestehen müssen. Und wurde immermehr Wahrheit, je länger uud stärker die Schatten in HeinesLeben fielen. Und je mehr das Drama der Matratzengrnftseinem tragischen Ende sich näherte. „Die junge lebens-lustige Frau hatte ein recht schweres Dasein," so berichtet