— 175 —
sich verbreitete, da erwachte in Meißner, der inzwischen durchviele „Fehlschläge" in eine zweite pessimistische Lebensperiodeeingetreten war, jene unbestechliche Wahrheitsliebe und jenerGerechtigkeitssinn, den wir bereits oben als eine seiner her-vorstechendsten Charaktereigenthümlichkeiten bezeichnet haben.„Nun werde ich aber offen meine Meinung über das naiveDorfkind aus der Normandie sagen," so thcilte er mir einesTages mit. Es giebt eben Dinge, die wir in einem ge-wissen Lebensalter, wo wir alles noch mit idealistischemBlick ansehen, ganz anders auffassen als später, wo derBlick sich verschärft und die idealistische Binde von denAugen fällt. Wie durch einen Gedankenblitz erhellt sichuns dann in reiferen Jahren eine Situation, ein Ver-hältniß, ein Vorgang, die wir Jahre und Jahrzehnte langin ganz anderem Lichte zu sehen gewohnt waren. Freilich,wer vermöchte kühn zu entscheiden, welche eigentlich dierechte Beleuchtung ist, ob die idealisireude der Jugend, obdie realistische des kritischen Alters? In keinem Falle darfmau aber die eine um der andern willen zurücksetzen oderihr gar persönliche Motive unterschieben.
Rein aus innerer Ueberzeugnng hat es Meißner —und zwar, als Mathilde Heine noch lebte — ausgesprochen,daß diese Ehe, die er früher milder beurtheilt, nach seinergereiften Ueberzeugnng als ein Unglück für Heine erscheinenmüsse, das auf sein ganzes Leben unheilvoll eingewirkt habe.Man muß eine solche fest ausgesprochene Ueberzeugnngehren, auch wenn mau ihr nicht zustimmt. Und da michselbst das schwerwiegende Unheil Alfred Meissners vondiesem „unheilvollen Einfluß" nicht zu überzeugen ver-mocht hat, da ich auch heute noch über diese geistigeMesalliance auf Grnnd gewichtiger Thatsachen ganz anderszu denken geneigt bin, so darf ich um so eher in dieserSache für die Lauterkeit des gegnerischen Unheils plaidiren.