— 119 —
zurückgestrichen hat und zu improvisiren beginnt, dann stürmter nicht selten allzu toll über die elfenbeinernen Tasten, undes erklingt eine Wildniß von himmelhohen Gedanken, wo-zwischen hie und da die süßesten Blumen ihren Duft ver-breiten, daß man zugleich beängstigt und beseligt wird, aberdoch noch mehr beängstigt."
Und nun, nachdem er Lißt als Menschen geschildert,läßt Heine eine Charakteristik folgen, wie keine bessere bis-her von Lißt gegeben worden, die seiner vollen Bedeu-tung gerecht wird, die aber auch das Bedenkliche seinerkünstlerischen Richtung ungescheut tadelt. Zur Erklärungderselben sei nur noch bemerkt, daß Heine sie unmittelbarunter dem Eindruck jenes großen Konzerts geschrieben,das die Fürstin Belgiojoso am 3l. März 1837 in ihremHotel zum Besten der italienischen Flüchtlinge veranstalteteund das zu einem musikalischen Ereigniß sich gestaltete, daLißt und Thalberg, die beiden großen Rivalen, sich daran be-theiligten und unmittelbar hintereinander, dieser die „Niobe",jener seine „Mosesphantasie", spielten. Dieglänzendste Gesell-schaft von Paris fand sich au jenem Abend zusammen, umdas Ende des großen Lißt-Thalberg-Kampfes mitanzusehen— darunter auch Heinrich Heine, der in Erinnerung aujenen Abend Folgendes schreibt:
„Ich gestehe es Ihnen, wie sehr ich auch Lißt liebe,so wirkt doch seine Musik nicht angenehm auf mein Gemüth,umsomehr, da ich ein Sonntagskind bin und die Gespensterauch sehe, welche andere Leute nur hören . . . Noch zittertmir der Verstand im Kopfe bei der Erinnerung des Konzertes,worin ich Lißt zuletzt spielen hörte. Es war im Konzertfür die unglücklichen Italiener, im Hotel jener schönen,edlen und leidenden Fürstin, welche ihr leibliches und ihrgeistiges Vaterland, Italien und den Himmel, so schön re-präsentirt ... wo ich Lißt verflossenen Winter zuletzt spielen