Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

— 118 —

nun, wie Heine Lißt benrthcilt: „Lißt ist der nächste Wahl-verwandte von Bcrlioz und weiß dessen Musik am bestenzu exekutirc». Ich brauche Ihnen von seinem Talente nichtzu reden; sein Ruhm ist europäisch. Er ist unstreitig der-jenige Künstler, welcher in Paris die unbedingtesten Enthu-siasten findet, aber auch die eifrigsten Widersacher. Das istein bedeutendes Zeiche», daß niemand mit Indifferenz vonihm redet.. . Was am besten für Lißt zeugt, ist die volleAchtung, womit selbst die Gegner seinen persönlichen Werthanerkennen. Er ist ein Mensch von verschrobenem, aberedlem Charakter, uneigennützig und ohne Falsch. Höchstmerkwürdig sind seine Gcistesrichtungen; er hat große An-lagen zur Spekulation, und mehr noch als die Interessenseiner Kunst interessireu ihn die Untersuchungen der ver-schiedenen Schulen, die sich mit der Lösung der großen,Himmel und Erde umfassenden Frage beschäftigen. Erglühte lange Zeit für die schöne Saiut-Simonistische Welt-ansicht, später umnebelten ihn die spiritualistischen odervielmehr vaporischen Gedanken von Ballanche, jetzt schwärmter für die republikanisch-katholischen Lehren eines Lamenais,welcher die Zacobinermütze aufs Kreuz gepflanzt hat . . .Der Himmel weiß, in welchem Geistesstall er sein nächstesSteckenpferd finden wird. Aber lobenswerth bleibt immerdieses unermüdliche Lechzen nach Licht und Gottheit, eszeugt für seineu Sinn für das Heilige, für das Religiöse.Daß eiit so unruhiger Kopf, der von allen Nöten und Dok-trinen der Zeit in die Wirre getrieben wird, der das Bc-dürfniß fühlt, sich um alle Bedürfnisse der Menschheit zubekümmern, und gern die Nase in alle Töpfe steckt, worinder liebe Gott die Zukunft kocht, daß Franz Lißt kein stillerKlavierspieler für ruhige Staatsbürger und gemüthliche Schlaf-mützen sein kann, das versteht sich von selbst. Wenn er amFortcpiano sitzt und sich mehrmals das Haar über die Stirue