Wenn es gestaltet wäre, die indnctive Methode ausden Naturwissenschaften in die Literatur-Geschichte zu uber-tragen — welch' eilt weiter Spielraum eröffnet sich da nichtder Phantasie unserer Goethe-Forscher! — so könnte mansich das Gespräch zwischen Heine und Grillparzer sehr leichtaus den Werken beider Dichter reconstrniren, und ich kannder Versuchung kaum widerstehen, dies hier zu versuchen,wobei ich mich aber mit aller Entschiedenheit dagegen ver-wahre, daß dieses Gespräch einmal von einem zukünftigenfleißigen Literarhistoriker etwa gar als „quellenmäßiges Ma-terial" benutzt werde.
Als Grillparzer bei Heine eintrat, hatte dieser geradejenen bekannten Brief an den deutschen Bundestag beendet,in dem er, wie weiland Docior Martin Luther glorreichenAngedenkens, um freies Geleit oder wenigstens um freiesWort bat, um nachweisen zu können, daß seine Schriften„nicht ans irreligiöser und moralischer Laune, sondern anseiner wahrhaft religiösen und moralischen Synthese hervor-gegangen find, einer Synthese, welcher nicht blos eine lite-rarische Schule, benamset das junge Deutschland, sondernunsere gefeiertsten Schriftsteller, sowohl Dichter als Philo-sophen, seit langer Zeit gehuldigt haben".
Es ist nun wohl anzunehmen, daß das Gespräch vondiesem Schreiben seinen Ausgangspunkt genommen und zu-nächst um die Verfolgungen des „jungen Deutschland" sichgedreht habe. Und auch das darf wohl als sicher angenommenwerden, daß Grillparzer Heine gegenüber mit seinen An-sichten über die neue Schule nicht hinter dem Berge ge-halten haben wird, wenn er dieselben damals wohl auchnicht so schroff ausgesprochen haben mag, als dies späteriit seineit Aphorismen in folgender Weise geschehen: „Manhat geglaubt, dem Unwesen der sogenannten „jungen Lite-ratur" (Gutzkow, Wienbarg, Laube n. s. w.) durch aus-