nach Heine darauf erwidert hätte: „ Bravo, Freund Rückert,besser hat mich noch Niemand gelobt. Weißt Du, was esheißt, Organ sein? Genie sein! Ich wünschte, daß Du inDeinen Liedern auch etwas mehr und etwas öfter Organgewesen wärest!"
Melchior Meyr hat Recht gehabt, und in seiner Zu-rückweisung liegt der Kern der Frage. Nicht darauf kommtes an, woher der Dichter den Stoff genommen, als wie erihn verarbeitet. In diesem Sinne kann der Dichter wohlein Organ des schaffenden Volksgeistes werden, dessen Liedersehr glücklich den Wiesenblumen verglichen wurden, die er-freuen und entzücken, wenn man sie im Felde ohne Pflegeund Kultur aufgewachsen antrifft, die aber in den Gärten,zwischen Rosen, Lilien und Nelken, nicht viel besser dennUnkraut sind. Hier tritt dann die Arbeit des Knnstpoetcnein, Organ der Vermittelung zu werden. Gelingt es einemmodernen Dichter, auch in seinen selbsterfundenen Stoffenjene frische und naive Ursprünglichkeit des alten Volksliedeszu erreichen, desto besser für ihn, für den Eindruck desWerkes aber ist diese Originalität fast ohne tiefere Bedeutung.Soll ich meine Ansicht unumwunden sagen, so glaube ich,daß Heine's Eitelkeit bei dieser Frage auch eine gewisse Rollegespielt hat. Gerade in jene Blütentage fällt ja die Jagdder Goethe-Koraxc nach den Quellen des Dichters, und keinLand war so weit und keine Literatur so fremd, daß manans ihr nicht Parallelen zu den Dichtungen des weimarischenOlympiers geholt hätte. Da konnte sich denn Heine wohlin die Brust werfen: Seht, wir „Zungen" sind doch ori-ginalere Dichter! Und mit Recht! Denn er traf den Tondes Volksliedes so rein und voll, wie kein Anderer, undes ist charakteristisch, daß die gelehrten Kenner unserer Volks-poesie dem Schalk nicht geglaubt, der dem Mittelstück seinerberühmten „Tragödie" die Bemerkung vorgesetzt: „Dieses