Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
52
Einzelbild herunterladen
 

hörte. Für das junge Geschlecht, dem Heine angehörte,'war diese individuelle Schranke kein Hindernis; die Grenzezwischen Freiheit und Nothwendigkeik existirte nicht für sie,und die leidenschaftslose Ruhe, welche Goethe's „orphischePeriode" charakterisirt, war ihnen verhaßt, ja erschien ihnensogar als Verrath am Vaterland und an den höchsten Güternder Menschheit. Hier allein liegt die Entschuldigung für dieherausfordernde Sprache des jungen Dichters gegen Goethe.

Wenn Herder Goethe's Art durch die Formel ausdrückt:„Theilnahmlose, genaue Schilderung der Sichtbarkeit", wenndie Romantiker Goethe „den gebildetsten Mann des Jahr-hunderts" nenne», so hatte wohl Heine eine gewisse Be-rechtigung, ihr» das Epitheton eines „kalten Kunstgreises"beizulegen. Natürlich nur für jene Periode seines Lebens,in die der oben erzählte Besuch fällt. Schildern doch selbstdie größten Verehrer des Dichterfürsten sein damaligesWesen kaum anders als Heine. So Hermann Grimm:„In natürlicher Weise thronte er da, unbehelligt von derEifersucht Anderer, und nahm mit kaiserlichem WohlwollenJeden gern an, der an seine Thür klopfte Eine ge-wisse feierliche Abgemcssenheit war in Goethe's Art undWeise eingedrungen. Seine Sprache bewegte sich nur zu-weilen in fast befangener Weise, in den von ihm selbstgefundenen Wendungen, seine Urtheile ivnrden oft in einerForm gegeben, deren lapidaren Styl man bewegter ge-wünscht hätte."

Und nun denke man sich diese harmonisch abgeschlossene,wahrhaft antike nnd gigantische Dichtergestalt dem jungen,aufstrebenden, begeisterten, mitzsprühenden, echt modernenPoeten gegenüber, um die Sprache zu verstehen, die Heinegegen Goethe wagt, nnd die Abneigung sich zu erklären,die er gegen den großen Olympier hege» mußte. Daswaren nicht zwei Menschen, die sich da in Weimar gegen-