Ja, noch mehr, sogar die Correctnr seiner Aufsätze »nd„Tragödien" vertraute Heine dem Freunde an — einZeicheir von Vertrauen, das ans einen ungewöhnlichen Gradvon Achtung schließen läßt, den er für Lehmann empfunden.„Sie sind fast der Erste in Berlin gewesen", schreibt Heinezwei Zahre später in Erinnerung an jene Blüthetage ihrerFreundschaft — „der sich mir liebreich genaht, und beimeiner Unbeholfenheit in vielen Dingen sich mir auf dieuneigennützigste Weise freundlich und dienstfertig erwies.Es liegt in meinem Charakter, oder besser gesagt: in meinerKrankheit, daß ich in Momenten des Mißmuthes meinebestell Freunde nicht schone, und sie sogar ans sie verletzendeWeise persiflier und maltraitire. Auch Sie werdeil bei mirdiese liebenswürdige Seite kennen gelernt haben und hoffent-lich iil der Folge noch mehr kennen lernen. Doch müssenSie nicht vergessen, daß Giftpflanzen meistens fortwachsen,wo ein üppiger Boden die freudigste lind kräftigste Vege-tation hervorbringt, und daß dürre Haiden, die von solchenGiftpflanzen verschont sind — auch nur dürre Haiden sind."
Nun denn, diese Erkcnntniß war Zosef Lehmann schonaufgegangen, noch ehe er diesen Brief aus der LüneburgerHaide empfangen hatte. Es gehörte eben Geduld dazu, HeinesKritiker zu sein und dabei sein Freund zu bleiben. Wieoft zankteil sie sich über einen Dichter, über die Auffassungeiner Stelle in einem elastischen Werk, über irgend einenpoetischen Gedankeil in einem Heine'schen Gedicht, oder auchnur über den Reim in einem solchen! Lehmann hatte vielGeduld. Er besaß wohl mich reicheres Wisseil und eine schärfereKritik als Heine. Dieser erkannte zwar willig die Vorzügedes Freundes an; er folgte auch seinen kritischen Rath-schlägen, wenn sie ihm einleuchtend schienen, vermochte aberdoch nie eiil Gedicht ganz zu vernichten, wenn dasselbe Leh-mann entschieden mißfallen hatte. „Ach, das verstehen Sie