Druckschrift 
Heinrich Heine und seine Zeitgenossen
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

wie jene Harle Stimmung sich in wilde Wehmuth aufgelösthatte, wie die Hänser, die einander so feindlich gegenübergestanden, sich gerührt baufällig christlich anblickten, und sichversöhnt in die Arme stürzen wollten; so daß ich armerMensch, der in der Mitte der Straße ging, zerquetscht zuwerden fürchtete. Manche werden diese Furcht lächerlichfinden, und auch ich lächelte darüber, als ich nüchternenBlickes den anderen Morgen durch eben jene Straße wanderteund sich die Häuser wieder so prosaisch entgegengähnten.Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nöthig, wennman in Berlin etwas anderes sehen will, als todte Häuserund Berliner. Hier ist es schwer, Geister zu sehen. DieStadt enthält so wenig Alterthümlichkcit und ist so neu,und doch ist dieses Neue schon so alt, so welk und abge-storben; denn sie ist größtentheils, wie gesagt, nicht ansder Gesinnung der Masse, sondern Einzelner entstanden."

Heine spricht dann über den „altenFritz", überPotsdam,das ganz dessen Geistesstempel trage, das wir mit crnstemInteresse betrachten, und wo wir hier und da eine auf-steigende Lachlust unterdrücken, als fürchteten wir, plötzlicheinen Schlag auf dem Rücken zu bekomme», wie von deinspanischen Röhrchen des alten Fritz. „Solche Furcht befälltuns aber nimmer in Berlin, da fühlen wir, daß der alteFritz und sein spanisches Röhrchen keine Macht mehr üben;denn sonst würde aus den alten aufgeklärten Fenstern dergesunden Vernnnftstadt nicht so manch' krankes Obskuranten-gesicht Heransglotzen und manch' dummes, abergläubischesGebäude würde sich nicht unter die alten sceptisch-philo-sophischen Hänser cingesiedelt haben. Zch will nicht miß-verstanden sein und bemerke ausdrücklich, ich stichele hierkeineswegs ans die neue Werder'sche Kirche, jenen gothischenDom in verjüngtem Maßstabe, der nur aus Ironie zwischendie modernen Gebäude hingestellt ist, um allegorisch zu