gangen und keine Spur von der seltsamen Erscheinungaufzufinden, nimmt Meißner keinen Anstand, in vorsichtiger,verhüllter Weise von dieser Moucke zu erzählen und einigevon den bekannten Briefen mitzutheilen, die der Dichterin seinen letzten Lebenstagen an sie gerichtet. Auch vonanderen Seiten kommen dann Mittheilungen, die das Räthselimmer mehr verwirren. Ter eine hat sie in London, derandere wieder in Paris gesehen, dieser erzählt von ihrerunglücklichen Ehe, die sie sogar ins Irrenhaus gebrachthabe, jener weiß noch Schlimmeres zu berichten. Von ihrselbst ist aber keine Spur zu finden. Da — nach dreißiglangen Jahren — taucht die Erscheinung plötzlich von neuemauf. Wieder unter einem andern Namen, diesmal alsCamille Selden, tritt die Dame in gereiften Jahren hervor,— um selbst das Räthsel ihres Lebens zu lösen? O nein,nur um die Erinnerungen an die eigenthümliche Episodejenes „Blüthentraums" eines sterbenden Dichters noch ein-mal mit großer Umständlichkeit zu erzählen. Aber aus dem„Blüthentraum" ist eine alte Dame, eine Professorin, eineSchriftstellerin geworden, die erstaunlich dicke Bücher undgelehrte Abhandlungen schreibt. Der Blüthentraum ist ebenverrauscht und nur der Blaustrumpf ist geblieben. „UmGottes willen, nur nicht idealisiren!" schrieb mir damalsMeißner, und kennzeichnete mit diesen wenigen Worten dieSituation, die er sofort nach ihrer wirklichen Bedeutungerfaßte. Abermals hatte seine unbestechliche Liebe zurWahrheit den Sieg davongetragen.
So war Meißner, und ich könnte noch spaltenlangvon seinem reineil Charakter, von seinem edlen Herzen, vonseinem lebhaften Freundschaftsgefühl erzählen. Auch zahl-reiche Briefe könnte ich deß zum Zeugniß anführen, diealle von jener innigen Verehrung, voll jener starken Wahr-heitsliebe und Gerechtigkeit erfüllt sind, die in dem Freunde
12