— 150 —
waren immer phantastisch gemischt, manchmal humoristischund oft sehr pathetisch — besonders wenn die Wogen ihmGrüße brachten von der Nordsee. So sagte er mir einesTages, daß das Gedicht: „Wenn ich an Deinem Hause" :c.eigentlich ans mich sich beziehe und auf meine braunenAugen. Heine blieb einen oder zwei Monate in Boulogneund ich sah ihn noch oft. Später erinnerte ich mich stetsmit Vergnügen an den Dichter, der mir so schöne Geschichtenerzählt, der so liebenswürdig gegen mich und so sarkastischgegen Andere gewesen war.
Erst vor drei Jahren — 1854 — als ich in Pariswar und hörte, daß er sehr arm und sterbenskrank sei, sahich Heine wieder. Ich sandte ihm zunächst meine Karteund schrieb ihm, daß das kleine Mädchen, dem er vor Jahrenin Boulogne so schöne Märchen erzählt, ihn sehnlichst zusprechen wünsche. Wenn er sich dessen noch erinnerte, möchteer mir eine passende Stunde für einen Besuch angeben.Heine schickte soforr nach mir, und als ich ihn besuchte, er-innerte er sich jedes, auch des geringfügigsten Umstandesaus jener Zeit — vor zwanzig Jahren — und jedes ein-zelnen Menschen, der damals in demselben Hotel gewohnthatte. Eine englische Ballade war ihm besonders in Er-innerung geblieben, die ich damals gesungen hatte, und inder das tragische Ende einer Ladp Alice und ihres ergebenenLiebhabers Giles Collins herzbeweglich geschildert wird, unddie damit endet, daß Lady Alice aus Verzweiflung einenvollen Löffel Hafergrütze „mit Zucker und süßem Gewürzgemischt" genommen, und daß nach ihrem jähen Tode „derPfarrer den Rest abgeleckt hat" („tlia pavsou lielreck upIiis rast"). Diese Ballade hatte Heine immer sehr amüsirt,und er frug mich sofort nach dem Pfarrer, der die Hafer-grütze so rasch ausgeleckt.
Ich für mein Theil konnte nur schwer und wenig