Ruhm des Dichters, wenn er hier einmal wirklich nur Organwar? Ich glaube nicht. Im Gegentheil, seine poetische Kunsterscheint noch in hellerem Lichte, wenn wir den Wandlungendieses Stoffes folgen und sehen, welch' tiefempfundenesStimmungsbild Heine daraus gemacht hat. Gerade dasneue Motiv, das er in die uralte Idee hineintrug, vondem Fichtenbaum, den ja der Midrasch gar nicht, derarabische Poet kaum gekannt, hat steigert die poetischeSchönheit und den natürlichen Reiz des Gedichts, auf dasHeine — nebenbei bemerkt — sehr viel Gewicht legte, undvon dem er in der Widmung des „Neuen Frühling" anfeine geliebte Schwester Charlotte selbst eine so anmuthigeVariation giebt.
Wenn Vilmar behauptet, daß von unseren neuerenDichtern nur einer das rechte Maß in der Naturdarstellungeinzuhalten gewußt habe, nämlich Goethe, so braucht manihm nur das Gedicht vom Fichtenbaum und der Palmeeuigegeuzuhalteu. Und wenn ein anderer berühmter Kritiker— mehr treffend als geschmackvoll — den Vergleich zwischenVolkslied und Kunstpoesie also präzisirt: Grobe Speisenund schlecht zubereitete Suppen esse man immer mit Appe-tit, wenn mau nur hungrig sei; aber auch in der bestenSuppe dürfe nur ein einziges Haar sich befinden, um selbstden besten Appetit gründlich zu zerstören: genau so wolleer sich anheischig machen, in jedem einzelne» Gedicht derNeuzeit das Haar nachzuweisen, welches den Appetit daranvon Grund aus verderbe — so dürfte diesem Kritiker derNachweis wohl sehr schwer, wo nicht unmöglich werden, mit.Bezug auf unser Gedicht, in dem der Geist des Morgen-landes mit der modernen Romantik zu einer vollendeten Har-monie poetischer Empfindung und Reinheit sich vermählt hat.