Er nannte jeden einen Lästerer, der von der Gnade eine andere Ansichthatte, als er selbst. Jakob Arminius und Franz Gomar erneuten denStreit, welchen Luther und Erasmus gegen einander geführt hatten.Franz Gomar verrammle den Arminius, welcher die menschliche Frei-heit vertheidigte; Arminius überantwortete den Gomar, welcher denfreien Willen predigte, den Flammen. Es gab „Intolerante" und„Tolerante", „strenge" Kalvinisten und „gemäszigte", „Lapsarier" und„Supralapsarier." Es waren noch nicht fünfzehn Jahre verflossen,als man Alles hätte auf einen Nagel schreiben können, was von die-ser Neulehre, die man gekrönt hatte, übrig blieb. „Menschliche Werke,wie alle Werke dieser Welt, wanken und verändern Gestalt und Farbe",sagt Claudius. „Die Wahrheit ist nur Eine, die bleibt und wanketnicht." — Calvin's Lehre war also keine Lehre der Wahrheit? Einhöchst beachtenswcrther Umstand ist es auch bei diesen Umgestaltungender Lehre, dass nie der Christ eine Meinung aufgibt, die man ihm alseine Wahrheit gegeben hat; so daß man versichert sein darf, jederneue Abfall gehe aus dem Heiligthume der Reform hervor. Und wiewill man dieser geistigen Verwirrung Einhalt thun? Wenn der Hauchdes menschlichen Mundes störrig, zornig oder empörerisch wird, schrei-tet die weltliche Obrigkeit ein und verwaltet das Amt des Priesters.Es findet sich ein Rath, wie jener der Zweihundert, welcher zu seinenSchaafen sagt: „Macht den Streitigkeiten ein Ende, die calvinischcVorherbestimmungslehre ist eine evangelische Wahrheit"; — oder einFürst, welcher zu dem Lutheraner sagt: „Du glaubst an die wirklicheGegenwart Gottes im Abendmahle!" zu dem Kalvinisten: „du lässestnur ein belebendes Symbol zu; hier ist der Tisch des Herrn; communi-zire!" 0 — und unter den Berliner Predigern schreibt und schwört imNothfalle ein Geistlicher im Dienste des Monarchen — „daß es heut zuTage keinen Kalvinisten und keinen Lutheraner mehr gebe; sondernallein evangelische Christen."
Einer der Lobredner Calvin's sagt: „Während der letzten Hälftedes sechszehnten Jahrhunderts, nahmen die Erben des Gesetzgebersder Reformation seinen Dogmatismus und seinen unbeugbaren Starr-sinn an, ohne seine Macht und seinen Geist zu besitzen; erklärten,daß Niemand ein Christ sei, der nicht denke, wie Calvin dachte; siebetrachteten das Erforschen der religiösen Wahrheit, wenn es sich nicht
1) viscussions üur le protestsntismv, s'röcellees clo l' snslyseconterence cts >1. Lgoorctsiro, nur t'Abke Lkuine, in 8.LIelr, 1838.
«t'unep. 1ü.