Druckschrift 
Zweiter Band (1844)
Entstehung
Seite
269
Einzelbild herunterladen
 

xvn. Kapitel.

Literarische Freundschaften.

Ich will die größten Zierden der Reformation auswählen, um anihnen den Abgrund zu zeigen, in welchen sich die menschliche Vernunft un-abänderlich stürzen muß, wenn sie nicht nach der Leuchte des Glaubenswandelt. Gentilis und Ochino, die eine Zeit lang freundschaftlich mitCalvin verbunden waren, lehnten sich gegen das Princip der Autorität auf.Beide waren, die Wahrheit suchend, von einem und demselben Puncte aus-gegangen ; von der Bibel. Nach einem langen Umherschweifen kam Ochinoauf die Vergötterung der Polygamie, Gentilis aus die Apotheose des Deis-mus. Wie konnte nun die Reform diese in ihren Lehren so verschiedenenMänner auf ein und dasselbe Blatt schreiben, auf dem geschrieben steht:den Vertheidigern der Wahrheit? Wenn sich Gott dem Ochino offenbarte,mußte er sich dem Gentilis verbergen; oder Licht und Finsterniß sind iden-tische Substanzen.

») O ch i n o.

Ochino in Siena. Erfolg und Gegenstand seiner Predigten. Der Teufet desStolzes versucht und verfolgt ihn. Er lehnt sich gegen die Autorität auf.Er wird nach Rom vorgeladen und weigert sich, zu erscheinen. Er schmähtüber das Papstthum. Flüchtet sich mit einem jungen Mädchen nach Genf.Verbindet sich mit Calvin. Will frei sein. Wird angezeigt und verbannt.Sein Dialog über die Vielweiberei.

Im Kloster der Kapuziner zu Siena/) das nicht lange vorhererrichtet worden war, befand sich ein junger Mönch, welcher, wieLuther im Kloster der Augustiner, ein asketisches Leben führte, und inseiner Zelle vom Teufel des Zweifels heimgesucht wurde. Ochino selbsterzählt uns die ersten Kämpfe mit dem Fleische.

1) De vits, reliZione et tatis Lernsräini Ockini, beneusis, von GottlicbStruve,