Druckschrift 
Zweiter Band (1844)
Entstehung
Seite
328
Einzelbild herunterladen
 

vollkommen Zeit, dem Prediger zu folgen, oft zu errathen, was ersagen wollte, und wenn er mit einen: unfolgsamen Herzen gekommenwar, einen Einwurf gegen die Beweisführung des Predigerszurückzunehmen. Auch hier behält Luther den Vvrtheil. DieZuhörer in Sachsen glichen nicht den Zuhörern in Genf. WennMartinus die Kanzel besteigt, könnt ihr sehen, wie sich in die Aller-heiligen-Kirche abtrünnige Mönche drängen, welche die Kapuze abge-worfen haben, um ihre rohe Neigungen zu befriedigen; dem Klosterentlaufene Nonnen, welche den Gatten erwarten, den man ihnen ver-sprochen hat; Churfürsten, welche aus der Abtei kommen, in welchersie den Wein der katholischen Priester aus großen Gläsern getrunkenhaben; Ritter, welche auf den Landstraßen nach Mönchen Jagd machen;Doktoren, die an einem neuen Jerusalem arbeiten; Juristen, welchedas geschriebene Wurt wieder aufrichten wollen; Juden, welche einenMessias erwarten; Studenten, welche auf öffentlichem Platze den Ari-stoteles und die Decretalien verbrannt haben; Bauern, auf welchen dasJoch ihrer Herrn lastete; arme Seelen, welche im Begriffe sind, dieWahrheit zu suchen. Der Redner hat für jede Fassungskraft seineeigenen Worte und Bilder.

Wenn ihr euch in der Kirche des hl. Petrus in Genf unter dasVolk stellt, welches Calvin anhört, werdet ihr nicht diese mannigfaltigeVolksmenge finden, welche euch iu der Allerheiligen-Kirche in Staunensetzte. Die Zuhörer bestehen zum Theile aus Kaufleuten, die vor Kur-zem noch Katholiken waren, und viel mehr Muth bei der Vertheidi-gung ihrer Waarenlager, als ihres Glaubens zeigtest ; sie haben die Re-formation weniger aus Liebe zur neuen Lehre, als aus Abneigunggegen ein herzogliches Haus angenommen, von dem sie sich in ihrerUnabhängigkeit bedroht glaubten. An diesem Volke haften Gebrechenund Laster: es rst eitel, verleumderisch, ungelehrig, widerspenstig,betrüglich; aber es ist noch nicht befleckt und beschmutzt wie das sächsi-sche Volk, und hat noch keine so große Aergcrnisse im Uebermuth, in derHabsucht und Ruchlosigkeit gegeben, die uns betrüben, wenn wir vondem Kampfe der Churfürften gegen die schwäbischen Bauern lesen.

Calvin bemühte sich in einer seiner Reden, die Hauptmerkmale desreligiösen Aussehens von Genf im Anfänge des sechzehnten Jahrhun-

Bern befinden. Ferner ist von Calvin, Cop und Beza eine Sammlung ver-schiedener Reden oder Homilien über das alte und neue Testament vorhanden.Uss. n. 18 . Die Reden, welche er in Frankreich hielt, und welche immer inderselben Weise schließen:wenn Gott mit uns, wer ist dann gegen uns?"wurden nicht gesammelt, und sind vielleicht verloren gegangen.