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Zweiter Band (1844)
Entstehung
Seite
326
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die er nicht überspringen kann, rollt fort wie ein Felsen, erstürmtBerge nnd Thäler wie ein Teufel.

Die Leibesgestalt Calvin's war schwächlich, seine Brust schmal,die Adern seines Halses standen hervor, sein Mund war wohlgebildet,seine Lippen hatten eine bläulich blasse Farbe, seine Stirne war breit,knochig und von Runzeln durchfurcht; aus seinem Angesichte leuchtetekeine Begeisterung, es zeigte nur frühzeitige Falten, welche eine außer-ordentliche Anstrengung verriethen. Wenn man ihn sah, glaubte manein Wesen zu sehen, welches stille Ruhe und Betrachtung nothwendighatte, um sich fruchtbar zu machen; und in seiner Rede fand manauch nichts Unerwartetes. Wenn Luther die Kanzel bestieg, wußte ernoch nicht, was er zu seinen Zuhörern sagen wollte, wie er selbsterzählt. Das nächste beste Blatt der aufgeschlagenen Bibel, eine Wolke,welche über die Kirche hinzieht, ein Sonnenstrahl, welcher die Glas-gemälte durchdringt, das letzte Wort eines seiner Schüler, den er ebenverlassen hat, sind für ihn eben so viele Quellen der Begeisterung.Mehr als einmal geschah es, daß er zu einer feierlichen Rede gegendas Papstthum den Stoff von einigen phantastischen Bildern nahm,welche ein Maurer an den Wänden der Kirche angebracht hatte. Cal-vin sprach auch aus dem Stegreife; er hatte aber nothwendig, daß ermit der Hand über die Stirne fuhr, um sich die früher vorbereiteteRede in die Erinnerung zurückzurusen. Sein Gedächtniß war bewun-derungswürdig; er sagte Alles, was er gedacht hatte, und zwar in derOrdnung, in welcher er die Gedanken geschöpft hatte. Er ist ein ganzmethodischer Mensch. Man erwartet von ihm keine Blitze, keine Flam-men, keine Farben; es ist nicht seine Ausgabe, zu blenden, zu über-raschen, oder Leidenschaften zu wecken, sondern zu urtheilen und zuüberzeugen. So wie er nie geweint hat, ist es auch nie seine Absicht,zu Thränen zu bewegen, sondern was er verlangt, ist das Stillschwei-gen, wozu er den Zuhörer oft zwingt.

Calvin hat nicht das ritterliche Wort Luther's, nicht die harmo-nische Rede Melanchthon's, nicht den abenteuerlichen Ausdruck Zwing-li's; aber er ist ihnen Allen überlegen an der Genauigkeit der Aus-drücke; nehmet ein einziges Wort hinweg, oder verändert eines, soläuft ihr Gefahr, ihm eine Idee zu nehmen. Stolz wie MeisterMartinus, hat er nicht die Bedächtlichkeit des Meister Philippus;wenn er einmal will, macht er es wie der Sachse, er scheut weder

1) Man vergleiche den Nesormatienö - Almcmach für Luther's Verehrer. Erfurt 1817.