325
Die erschreckten Zuhörer blicken zur Erde, als sähen sie den Kaiser indas Grab steigen.
Der Sachse war in einem Augenblicke aufgetreten, in welchem alleevangelischen Wissenjchaften in ihrer Blüthe standen. Die unerschöpf-liche Mannigfaltigkeit aller katholischen Vorstellungen stand ihm bei derVerkündung des Evangeliums zu Gebote. Er ruft den Seraphinen,welche die Reformation jetzt nicht mehr anrufen will, weil sie dieselbenals bloße Allegorien betrachtet; er gebietet dem Satan und seinen Le-gionen, welche sie in eine imaginäre Welt verbannt hat; er blästin die Trompete des Gerichts, welche sie zerschmettert hat; er läßt denbösen Reichen aufschreien, den sie nur mehr als eine Mythe betrachtet;er öffnet die Abgründe des ewigen Feuers, die sie verschlossen hat; miteinem Worte, um die schläfrigen Seelen aufzuwecken, wendet er Gleichnissean, welche die Reformation seit der Ueberhandnahme des Rationalismusaus ihrer Sprache verbannt hat. Wenn Calvin auch eben so bewunde-rungswürdig für die Kanzel geschaffen gewesen wäre, wie Luther, soließe es sich doch leicht erklären, wie er untergeordnet blieb: als erauftrat, hatte die Vernunft gegen den Glauben schon das Uebergewichterlangt; die Quelle der Bilder, welche durch ihre Poesie, von der siedurchdrungen sind, so mächtig auf die Massen wirken, war für ihnversiegt; der Baum des Lebens war entblättert. Luther verdankteseine schönsten Siege der Verschmähung des Syllogismus. Calvinglaubte das Werk eines Mönchs fortführen zu können, indem er sichder aristotelischen Form bediente und auf der Kanzel den Logiker spielte,das heißt, er erstieg, nach dem malerischen Ausdrucke seines Neben-buhlers, den Berg mit dem bepackten Saumthier, während Luther denRath gab, man solle es wie Abraham machen, und den Esel in derEbne zurücklassen.
Luther hatte einen andern Vortheil, als Calvin; er bediente sicheiner Sprache, welche in all ihrer Eigentbümlichkeit demjenigen ge-hörte, der zuerst kam; die sich allen Anforderungen des Philosophen,allen Phantasieen des Dichters, allen Launen des Künstlers anschmiegte,und immer neu blieb, bei allen Umgestaltungen, die man mit ihr vor-nahm. Es war ein Glück für diese schöne Teutonensprache, daß derMann, der berufen war, sie auf der Kanzel vorzutragen, zugleich Theo-loge, Geschichtschreiber, Redner, und insbesondere Sprachenkenner war.Wenn man eine Rede Luther's aufschlägt, glaubt man in Rom, Athen,Jerusalem zu sein: sie ist bald eine israelitische Elegie von den Uferndes Jordan, bald eine öffentliche Anrede der Griechen, bald eine SatyreJuvcnals. Er geht, kommt, zerbricht und verbrennt die Schranken,